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Hilfen zum Abtauchen

Ende 1941 kam eines Abends ein junger Mann zu uns in die Wohnung, fragte, ob ich Henri Rodenstein wäre und nach meinen Ausweispapieren. Ich wollte zunächst wissen, wer er wäre und was er wolle. Eine Viertelstunde katzbalgten wir, wer sich zuerst zu erkennen geben sollte. Ich vermutete, dass er von einer Widerstandsgruppe wäre und zeigte ihm schließlich meinen Personalausweis. Darauf grüßte er militärisch und stellte sich vor: "Leutnant René". Er eröffnete mir, dass ich auf Befehl "von oben" - von nun an unter seinem Schutz stünde und er für meine Sicherheit verantwortlich sei. Ich dürfte keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und ich müsste auf Befehl jederzeit die Stadt sofort verlassen.

Erst einige Jahre später habe ich erfahren, wem ich es verdankte, Schutzbefohlener der französischen Wiederstandsbewegung geworden zu sein. In einem angrenzenden Department (Tarn et Garonne?) führte ein junger Lehrer namens Denis Forestier, aktiver Funktionär der Volksschullehrer-Gewerkschaft (S.N.I.) die Widerstandsbewegung. Er hat mich schon in meiner Pariser Zeit (1935 bis 1939) kennen gelernt. Ich erinnere mich seiner aus dieser Zeit jedoch nicht mehr.
Denis Forestier ist später etwa von 1953 bis 1962 Generalsekretär des S.N.I. geworden. Auf den Vertreterversammlungen des S.N.I. und auf zahlreichen internationalen Lehrerkonferenzen sind wir uns nach 1945 mehr als ein Dutzend mal begegnet. Er selbst hat mir bestätigt, dass dieser Befehl an Leutnant René von ihm selbst veranlasst wurde.

Als die Besatzungsmacht für ganz Frankreich eine Erneuerung aller Personalausweise erzwang und u.a. für Juden das "J" (= Juif) vorschrieb, kam eines Tages der Polizeikommissar mit seinem Ortspolizisten in das Büro, wo ich arbeitete, und sagte mir: "Hier ist ein Personalausweis als Franzose für Sie. Er ist bereits ausgeschrieben. Geboren sind Sie in einem Dorf bei Verdun, das im Ersten Weltkrieg mit allen Geburtsregistern im Rathaus zerstört wurde. Sie müssen mir nur noch sagen, wie Sie heißen wollen."
Ich gab ihm als Namen an: Rostin, Henri.
Damit besaß ich zwei Personalausweise: einen blassblauen als Ausländer ("Réfugié Sarrois") und einen gelben als Franzosen, der als Dokumant sogar echt war. Nur drei Eintragungen waren falsch: der Name, der Geburtsort und die Staatsangehörigkeit. Den französischen Ausweis habe ich kaum jemals gebraucht; aber ich trug ihn oft vorsichtshalber bei mir.

Eines Tages hatte ich - wie häufig - auf einem Gemüseacker in Soréze, etwa 5 km von Revel entfernt gearbeitet. Da mir die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel ausdrücklich untersagt und mir auch anempfohlen war, lieber Nebenwege als die Landstraße zu benutzen, pflegte ich den Weg nach Soréze zu Fuß und querfeldein zurückzulegen. An diesem Tag war ich sehr müde und sah den Linienbus kommen, der mich in fünf Minuten nach Revel bringen würde. Ich vergaß alle Vorsicht und stieg in den vollen Bus. Schon nach wenigen hundert Metern, am Ortsausgang, war es passiert. Linkerhand, auf einer kleinen Erhebung unmittelbar neben der Landstraße, lag die Gendarmerie. Eine Gruppe junger Männer in "Räuberzivil", mit Maschinenpistole im Arm, stoppte den Bus. Das konnte der "Marquis" sein, aber auch die faschistische Vichy-"Miliz". Einer der Jungen - offenbar ein Spanier - kam in den Bus und forderte alle Reisenden auf, sich auszuweisen. Ich überlegte, ob ich meinen französischen oder meinen Ausländerausweis zeigen sollte. Unter den Mitreisenden gab es sicher einige, die mich kannten. Es gabsicher ebenso Vichy-Sympathisanten unter ihnen. Als ich zur Gendarmerie hinüber sah, entdeckte ich in der Gruppe, die vor ihr stand, den Leutnant René. Es war also der Marquis. Aber auch das löste mein Problem nicht. Ich durfte ja auch nicht zu erkennen geben, dass mir der Marquis vertraut war. Nun war der Spanier bei mir angekommen. Ich hatte mich für die Ausländerkarte "Réfugié" entschieden.
"Welche Nationalität?"
"Sarrois" - "Savoie?"
(Hier muss angemerkt werden, dass zu dieser Zeit die deutsche Wehrmacht in Savoyen einen Ausrottungsfeldzug gegen den Marquis führte, der beide Seiten schon Hunderte von Toten gekostet hatte, Savoyen hatte für den Marquis einen schaurigen Klang.)
"Nein, Sarrois." - "Aber das ist die Saar. Dann sind Sie Deutscher?"
Hier mischte sich eine mir unbekannte Frau ein. "Sie sind doch der Vater von RoseMarie?" Dann zu dem Spanier: "Lassen Sie ja den Mann in Ruhe, der ist mindestens so gut wie Sie."
Der Spanier, völlig ungerührt, befahl mir: "Aussteigen!"
Da ich an einer weiteren, quasi öffentlichen Erörterung meines Falles keineswegs interessiert war, stieg ich schnell aus. Auf der Straße,nunmehr unter vier Augen, sagte ich:
"Ich kenne Ihren Leutnant René." Er stutze. "Welcher ist das?"
"Dort von der Gendarmerie, der Dritte von rechts."
Er grüßte militärisch: "Steigen Sie wieder ein." Es war falsch, mich unter den Augen von 40 Businsassen zu grüßen. Er hätte mich besser in den Hintern getreten.

Mehrfach erhielt ich die Order, für eine Nacht - oder auch mehrere Nächte - die Stadt zu verlassen. Ich ging dann querfeldein zu der Bude auf dem Gemüseacker in Soréze und schlief dort auf einem Heulager. Einmal verirrte ich mich in der Dunkelheit und fragte in einem abgelegenen Bauernhaus nach dem Weg. Die Bewohner wußten, dass in Revel etwas erwartet wurde und dass Bedrohte die Stadt verließen. Sie luden mich zum Abendessen ein und waren informiert, dass man die Stadt Verlassenden nichts fragen dürfe.

Im Januar 1943 benachrichtigte ein Gendarm (!!) meinen Arbeitgeber, den Gemüsehändler Francois Bluze, ich müsse mit Frau und Kind einige Zeit aus Revel verschwinden. Es sei sehr ernst. RoseMarie, vier Jahre alt, litt gerade an heftigen Windpocken. Der Arzt, ein Widerständler, attestierte ihr noch einige Krankheiten mehr, die dringend Luftveränderung und Aufenthalt im Gebirge erforderten. Bluze brachte uns auf seinem LKW in ein leer stehendes Haus in Arfons, etwa 15 km nördlich von Revel in 900 m Höhe im Massif Central gelegen. Aus diesem nur wenige Hundert Einwohner zählenden und weltsbgeschiedenen Dorf stammte seine Frau. Es war ein sehr kalter Winter bis -20 Grad Celsius, und auch im Hause fror uns erbärmlich, obgleich im offenen Kamin im Wohnzimmer riesige Buchenscheite brannten.
Nach etwa 14 Tagen holte uns Bluze wieder nach Revek zurück. Erst später erfuhren wir, was passiert war: Deutsche Polizeistellen in Toulouse hatten von der französischen Sozialversicherung alle Karteikarten von deutschen Versicherten angefordert. Damit waren alle deutschen Emigranten gefährdet, die reguläre Arbeitsverhältnisse eingegangen waren. Die französische Sozialversicherung hatte die Widerstandsbewegung informiert. Sie hatte die Gefährdeten alarmiert.

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