saargebiet


Saargebiet

Das Saargebiet befand sich nach dem Versailler Vertrag seit 1920 auf 15 Jahre unter Völkerbundsverwaltung. Die Ausbeutung und Verwaltung der Kohlenförderung wurde Frankreich zugesprochen. Nach 15 Jahren (am 15. Januar 1935) sollte die Bevölkerung in einer Volksabstimmung darüber entscheiden, ob das Saargebiet:
a) wieder nach Deutschland zurückkehren ("Heim ins Reich"),
b) an Frankreich angeschlossen oder
c) unter Völkerbundsverwaltung verbleiben ("staus quo") sollte.

Im November 1933 organisierte die holländische Lehrergewerkschaft meinen Weg nach Saarbrücken von Gewerkschaftshaus zu Gewerkschaftshaus. Von Amsterdam wurde ich - hinter Säcken und Kisten versteckt - in einem Lieferwagen der Cooperative zum Gewerkschaftshaus in Antwerpen gebracht. Dort übernachtete ich - mit einer Doppelwache der "Lique antifasciste" vor der Tür - und wurde am nächsten Morgen von der Wache bis in das Zugabteil gebracht. In Brüssel Übernachtung im Gewerkschaftshaus. Am nächsten Tag Weiterfahrt nach Luxemburg. Ein Gewerkschaftsekretär brachte mich bis hart an die hier nicht besonders bewachte französische Grenze. Ich ging zu Fuß nach Thionville: (= Diedenhofen), nahm dort spät abends einen Zug nach Saarbrücken, wo ich am 14. November 1933 gegen Mitternacht ankam.

Am 20. November 1933 bewarb ich mich bei der Grubenverwaltung um Anstellung an einer Domanialschule. Neben der Arbeitsmöglichkeit sah ich auch eine politische und pädagogische Aufgabe. Meine Zeugnisse, Einstellungs- und Entlassungspapiere hatte meine Frau bei ihrer Ausreise nach Holland mitgebracht. Anfang Januar 1934 erhielt ich die Mitteilung, dass ich an der Domanialschule in der Talstraße in Saarbrücken angestellt würde.
Zum 1. Februar 1934 wurde ich an die Domanialschule in Saarlouis versetzt, wo ich bis zu unserer Emigration nach Frankreich blieb.


Heinrich Rodenstein Saarlouis 1934

Ich hatte während meiner Schulzeit acht Jahre Unterricht im Englischen als auch im Französischen gehabt.. Vieles war im Laufe der Jahre verschüttet. Ich suchte die Konversation mit den französischen Lehrern, die an der Domanialschule in Saarlouis unterrichteten. Ich arbeitete systematisch das Lehrbuch der französischen Sprache durch, das an den Domanialschulen benutzt wurde. Meine Frau hat die Volksschule besucht und keinen fremdsprachlichen Unterricht gehabt. Auch war sie nicht systematisch in deutscher Grammatik trainiert worden; wohl aber hatte sie ihre Arbeit in der sozialistischen Jugendbewegung lernbegierig und zielstrebig gemacht. Sie besuchte in der Zeit, die wir in Saarlouis wohnten, 2 x wöchentlich einen Abendkurs, der von der Grubenverwaltung veranstaltet und vom Direktor der Domanialschule durchgeführt wurde.

Schon das Mateotti-Komité in Amsterdam hatte mich darauf hingewiesen, dass Reichsemigranten, die ohne Pass ausgereist waren, vom Saarland aus auf schriftlichen Antrag von der Polizeibehörde in Trier einen deutschen Reisepass per Post ausgestellt bekommen hätten. Ich versuchte drumm-dreist mein Glück und erhielt mit dem Datum vom 31. Januar 1934 einen deutschen Peisepass, gültig bis zum 30. Januar 1939 und für "Inland und Ausland", durch Briefträger zugestellt. Offenbar waren die Fahndungslisten nicht auf dem laufenden oder wurden nicht beachtet.
Meine Frau und ich bekamen am 2. März 1934 den sogenannten "Roten Saarausweis", der Passrang hatte.

Mitte Mai 1934 schrieb mir die Geschäftsstelle der Gewerkschaft der französischen Volksschullehrer ("Syndicat National des Institeurs de France" S.N.I.), dass das S.N.I. den deutschen Lehreremigranten, die wohl meistens während der langen Schulferien ab 14. Juli ohne Einkommen waren, eine Unterstützung zukommen lassen wolle und bat mich um eine Gesamtliste aller mir bekannten Lehreremigranten in Frankreich und im Saargebiet.. Ich gab die Liste und kreuzte diejenigen an, die dieser Hilfe nicht bedurften, da ihr Einkommen nicht aussetzte. z.B. auch bei mir. Trotz dieses Hinweises haben alle Genannten, d,h. auch ich, eine einmalige Beihilfe etwa in Höhe eines Monatsgehaltes eines französischen Lehrers bekommen.

Während der Schulferien im Juli/August 1934 fuhren wir auch 2 bis 3 Wochen nach Paris. Das war einesteils ein reines touristisches Unternehmen, andernteils wollten wir auch einiges über unsere eventuelle Emigration nach Frankreich nach dem 15. Januar 1935 erfahren. Wir wohnten bei Frau Bomard, wo Heinrich Grönawald schon längere Zeit logierte und wo wir später unsere Unterkunft  von September 1935 bis September 1939 finden sollten. Grönewald sprach von der Absicht, nach Buenos Aires zu gehen. Er warf dabei auch die Frage auf, ob wir dann nicht sein Zimmer und seine Schüler und Schülerinnen übernehmen wolle, denen er regelmäßig privaten Deutschunterricht erteilte.


Marta und Heinrich Rodenstein mit Herta Wöhldecke in Paris 1934

Während unseres Aufenthaltes in Paris habe ich Georges Lapierre persönlich gedankt. Er bat mich, als Vertrauensmann beim SNI zu fungieren, denn es gab ja auch Schnorrer und Schwindler, die sich als Emigranten ausgaben, vielleicht auch Spitzel im Dienste der Gestapo.

In Paris besuchte uns auch Herta Wöhldecke, eine gute Freundin unserer Familie aus der Braunschweiger Jugendbewegung. Mit ihr machten wir mit dem Gebot sparsamster Verwendung die Benutzung einer unsichtbaren Tinte und einen Zahlencode nach einem Buche aus. Diese Korrespondenz hat bis zum Kriegsausbruch funktioniert.

Nicht lange nach der der denkwürdigen Volksabstimmung am 15. 1. 1935 riefen mir einige Jugendliche auf der Straße "Emigrantenschwein, hau ab!" nach. Wenige Tage später johlte eine Gruppe unter unserem Fenster "Emigranten raus!"

Am 25. 1. fuhr ich zur Grubenverwaltung nach Saarbrücken. Das Personal, das mich kannte, sah mich entgeistert an. Der Abteilungsleiter sagte. "Sie sind noch hier? Mann, sie haben Nerven!" Ich erhielt meine Arbeitspapiere, Gehalt für Januar und Februar und den Rat,nach Sarreguemines (Saargemünd) zu fahren und mich daort in der Auffangstelle für Saarflüchtlinge zu melden. Am nächsten Tage fuhren meine Frau und ich nach Sarreguemines und meldeten uns in der Flüchtlingsstelle, die in Bahnhofsnähe inaller Eile improvisiert worden war. Wir waren in Frankreich, der dritten, längsten und letzten Station unserer Emigration angekommen.

 

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