rueckkehr


Erste Rückkehr nach Braunschweig

Zunächst schien eine Rückreise nach Braunschweig ein unlösbares Problem. Es begann mit den Papierschwierigkeiten. Das französische Eisenbahnnetz hatte bei der Befreiung schwer gelitten. Die militärischen Aktionen und die zahlreichen Zerstörungen, die die Résistance hinter der jeweiligen deutschen Front vorgenommen hatte, ließen für lange Zeit nur einen eingeschränkten und unregelmäßigen Zugverkehr zu. Also bedurfte es für jede Eisenbahnfahrt einer besonderen behördlichen Genehmigung. Eine Einreise in das zurückeroberte Elsass oder in das Saargebiet war auch für Franzosen kaum möglich. Und wie wir dann in Deutschland durch die französische und amerikanische Zone nach Braunschweig in die britische Zone gelangen könnten, blieb für uns unvorstellbar. Es war ein abenteuerliches Unternehmen. Aber lange warten wollten wir nicht mehr.

So kamen meine Frau und ich überein, dass ich zunächst allein versuchen sollte, nach Braunschweig zu gelangen und wieder nach Revel zurück zu kehren. Gab es in unserer Vaterstadt eine Existenzmöglichkeit, so wollten wir dann unsere Zeit in Revel abbrechen und zusammen heimreisen. Da wir auf internationale Postverbindungen von Deutschland aus nicht rechnen konnten, machten wir aus, dass ich so schnell wie möglich, allerspätestens aber im Februar 1946, zurückkäme. Es war der 15. August 1945.

Karl Mössinger machte mich zum Schriftführer einer nicht existierenden "Vereinigung der Saarländer" und stellte mir - richtig mit Briefkopf und Stempel - eine Einladung zu einer Konferenz in Metz (!!) aus. Damit ging ich zum Polizeikommissar in Revel und beantragte treuherzig eine Reisegenehmigung nach Metz. Er grinste mich an - hatte natürlich alles sofort durchschaut - und erklärte mir, er sei nur zuständig für Reisegenehmigungen innerhalb des Départements Haute -Garonne. Eine Genehmigung für Metz könne nur die Präfektur in Toulouse ausstellen. Für diese Reise nach Toulouse gab er mir den Schein. Jemand riet mir, in der Präfektur am Sonnabend etwa gegen 12.00 Uhr, eine Stunde vor Dienstschluss, vorzusprechen; dann ginge es immer am schnellsten. Ich tat so. Der zuständige Beamte war sehr ungehalten. Ich war Ausländer und Metz lag im Sperrgebiet Elsass. Der Fall war kompliziert, und in einer Stunde war Dienstschluss. Er verwies mich zurück an den Polizeikommissar in Revel und versprach mir, dessen Kompetenz im Falle einer telefonischen Rückfrage zu bestätigen. Der Polizeikommissar in Revel grinste wieder - und stellte mir eine Reisegenehmigung nach Metz aus.

Der Französische Gewerkschaftsbund (C.G.T.) hatte beschlossen, die Rückkehr deutscher politischer Emigranten technisch und materiell nach Kräften zu fördern.
Die technische Hilfe war unerlässlich, da die meisten Betroffenen nur außerhalb der Legalität zurückkehren konnten. Besonders die Genzübergänge waren schon in Friedenszeiten ein besonderes Problem gewesen. Und nun erst 1945.

Über Karl Mössinger wurde mir von der C.G.T. mitgeteilt, dass ich von Metz aus sofort nach Forbach weiterreisen, dort den Bahnhof durch den Güterschuppen verlassen und mich bei einer bestimmten Adresse in Bahnhofsnähe melden sollte. Der Mann sei informiert. Alles verlief plangemäß. Der angegebene Mann brachte mich durch einen verminten Wald an den Stadtrand des stark zerstörten Saarbrücken. Dort sollte ich mich auf dem Rathaus melden.

Der Pförtner meldete mich direkt beim Bürgermeister, der mich sofort zu sich bat. Er fiel mir um den Hals. Es war Detgen, der in den Lagern von Colombes und Meslay-du-Maine zu meiner Kompanie gehört hatte. Ich war also sein Kompanie-Chef gewesen. Er nahm mich wie selbstverständlich in seiner Wohnung auf.
Die zweite freudige Überraschung war das Wiedersehen mit Fritz Margard, dem Jungsozialisten und Lehrer von 1934, der jetzt - wie Detgen - von der französischen Militärregierung zum Kultur- und Schuldezernent eingesetzt worden war. Um mich zu legalisieren, stellte er mich als "Vorzimmer-Herrn" ein. Damit erhielt ich Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, ein kleines Gehalt und Lebensmittelkarten. Dieses Amt habe ich drei Wochen bekleidet. Aber ich wollte ja nach Braunschweig.

Das Saargebiet war von der französischen Regierung zur "Roten Zone" erklärt worden. Das bedeutete vor allem erschwerte Zureise- und Verkehrsbedingungen. Für mich aber war Saarbrücken die Drehscheibe für unser Rückkehrunternehmen. Nur von hier aus konnte ich meine Reise nach Braunschweig (hin und zurück), meine Rückreise nach Revel, die Reise unserer Familie von Revel nach Saarbrücken und schließlich die Rückreise nach Braunschweig regeln. Fritz Margard hat mir dabei sehr  wirksam geholfen. Er machte mich darauf aufmerksam, dass die Tochter des Kollegen Diemer, jetzt Schulrat, als Sekretärin bei einem französischen Leutnant in der Besatzungsbehörde arbeite, der Reisegenehmigungen ausstellte. Eine Unterredung mit Fräulein Diemer ergab, dass ihr Leutnant nur für die Stadt Saarbrücken und einen kleinen Umkreis zuständig war, keinesfalls aber für eine Reise durch die amerikanische in die britische Zone und zurück. Sie meinte aber auch, er würde nicht merken, wenn man ihm in einem Haufen anderer Papiere eine solche Genehmigung unterschöbe. Sie tat es und es gelang.

In Saarbrücken hatte sich ein Hilfskomité für Rückwanderer gebildet, das sich offenbar des Wohlwollens der Militärregierung und auch der neuen zivilen Stellen der Stadt erfreute. Dort beantragte ich
a) eine Reisegenehmigung für mich nach Revel,
b) eine Zureisegenehmigung für unsere ganze Familie und
c) eine Besuchsreise nach Braunschweig für uns drei.
Ich habe verschwiegen, dass wir in Braunschweig bleiben und nicht an die Saar zurückkehren wollten. Ich fürchtete, ohne diese Notlüge die Papiere nicht zu erhalten.

Ich wartete nicht ab, dass die beantragten Papiere vorlägen. Bürgermeister Detgen unternahm eine Reise im Auto nach Hessen, wo er bei einer Glasfabrik Fensterglas gegen Saarkohle eintauschen wollte. Der Handel kam zustande. Auf der Rückreise setzte er mich am arg demolierten Hauptbahnhof Frankfurt/Main ab. Ich erfuhr, dass an diesem Abend zum ersten Mal ein Zug nach der amerikanischen Enklave Bremerhaven abgehen sollte. In einem Massenansturm löste ich eine Fahrkarte nach Braunschweig und gelangte auch in den total überfüllten Zug. Ich stand draußen auf einer Plattform, war todmüde Mein Kopf sank immer wieder auf die Schulter einer Frau, die, wie ich, dort eingekeilt stand. Wenn ich erwachte, erhob ich schnell meinen Kopf. Sie aber sagte: "Lassen Sie ihren Kopf ruhig da liegen." Wenn die gemeinsame Not Menschen nicht bösartiger macht, macht sie sie hilfreicher. Das habe ich auf dieser Fahrt einmal mehr erfahren.

In Eichenberg, an der amerikanisch-britischen Zonengrenze, mussten wir alle hinaus auf den Bahnsteig. Gründliche Kontrolle der Papiere und des Gepäcks durch amerikanisches Militär. Ich kam unbeanstandet durch.
In Kreiensen stieg ich um in einen Zug nach Braunschweig. Er war fast leer. Am späten Nachmittag kam ich - nach zwölfjähriger Abwesenheit - auf dem Hauptbahnhof in Braunschweig an. Zunächst trieb es mich vor allem in die Wohnung meiner Mutter, wo ich auch die meisten Jahre meiner Kindheit und Jugend erlebt hatte. Ich fuhr vom Bahnhof mit der Straßenbahn durch die total zerstörte Innenstadt.

Am nächsten Morgen ging ich zur Regierung am Bohlweg Ich wusste noch nichts über die neuen Männer. Es war kein "Besuchstag", und der dienstbeflissene Pförtner wollte sich zunächst überhaupt nicht mit mir unterhalten.Schließlich verstand er denn doch, dass ich kein normaler Besucher war. Ich fragte ihn, wer der Leiter der Schulabteilung wäre. Es war Gustav Günther, langjähriger Freund, Mitglied der "Allgemeinen Freien Lehrergewerkschaft und der SAP bis 1933, dann entlassen. Nur schwer entschloss sich der Pförtner, mich anzumelden. Günther war auf Reisen. Dann bot mir der Pförtner eine Anmeldung bei Walter Jorns an. Er war bis 1933 lange Zeit Geschäftsführer und schließlich Vorsitzender der A.F.L.D. gewesen. Ebenfalls von den Nazis seinerzeit entlassen. "Soll sofort raufkommen!" war seine Antwort. Mich begrüßte er: "Wo kommst Du denn jetzt her?" - Von ihm erfuhr ich, dass in der Schulabteilung fast lauter ehemalige SAP- und AFLD-Mitglieder säßen, die mir bestens bekannt waren. Sie begrüßten mich um so herzlicher, als sich in Braunschweig das Gerücht verbreitet hatte, ich sei auf dem Wege nach dem Fernen Osten im Roten Meer ertrunken. Sie wollten mit mir sofort über mein zukünftiges Arbeitsgebiet sprechen. Ich stand noch unter dem Schock des Vortages und wollte nun erst nach der Familie meiner Frau sehen. Ich bat um einige Tage Frist.

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