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Tochter RoseMarie

Meine Frau hat etwa am 1. Dezember 1938 aufgehört, im "Restaurant Végétarien" zu arbeiten und ging in den Schwangerschaftsurlaub. Da sie die vielfältigen Vorschriften der Sozialversicherung über ärztliche Kontrollen vor und nach der Geburt gewissenhaft befolgte, kam sie in den vollen Genuss der Niederkunftshilfen (z.B. Schwangerschaftsgeld, Stillgeld, fortgesetzte Beratung).

Am 16. Februar 1939 wurde unser einziges Kind RoseMarie in einem Krankenhaus am Boulevard Royal in Paris geboren. Frankreich war damals ein geburtenschwaches Land. Das Volk war außerordentlich kinderlieb. Wir bekamen es zu spüren. Französische Freunde, häufig Kollegen, die Eltern meiner Privatschüler u.a.m. beschenkten uns mit allem, was ein Neugeborenes braucht, so reichlich, dass RoseMarie mit allem, besonders Wäsche und Kleidung, für mehr als zwei Jahre versehen war. Die Wolle eines gestrickten Rockes, den sie noch 1946 trug, stammte von einem Cape, das das französische Ehepaar Delage aus Javerlhac in der Dordogne kurz nach RoseMaries Geburt geschenkt hatte.

Wir hatten uns vorgenommen, die Tochter völlig zweisprachig aufwachsen zu lassen. Mit dem Beginn der deutschen Besatzung in Frankreich mussten wir aus Sorge um unsere eigene Sicherheit diesen Plan aufgeben. So lernte RoseMarie zunächst nur Französisch. Sie sprach es rein und ausdrucksreich. Sie fand leicht Gespielinnen und wurde - weil sie immer so sorgfältig gekleidet war - "la princesse" genannt. Dabei war sie eher zurückhaltend bis scheu als etwa kess. Es war sehr mühsam, sie zum Essen der knappen Nahrung zu bewegen. Einen Löffel Butter gewannen wir, indem wir eine Baby-Flasche Vollmilch eine halbe Stunde lang schüttelten. Noch länger dauerte es, bis sie es aufgegessen hatte.

           
März 1939                                              Mai 1939                                                 August 1939

Schon 1941, also mit 2 1/2 Jahren, schickten wir sie vorzeitig in die "Ecolé Maternelle", eine Mischung von Kindergarten und Vorschule. Sie galt dort als sehr zurückhaltend, scheu, begabt. Diese "Ecolé Maternelle" war fast schon ein Völkerbund von Kindern. Während der ganzen Kriegszeit gab es dort keinerlei Spannungen zwischen den verschiedenen Nationalitäten. Das ist vor allem der großartigen Pädagogin Mme Robert zu danken. Niemals hatte RoseMarie unter ihrer deutschen Herkunft zu leiden. Wenn der Bäcker uns zusagte, dass es uns nie an Brot fehlen würde und wenn eine Kleinbäuerin, die etwa 3 km außerhalb Revels wohnte, uns jederzeit Milch über unsere Ration hinaus zum normalen Preis verkaufte, so geschah es vor allem RoseMaries wegen. Es waren Lichtpunkte in einem ansonsten dürftigen und ständig gefährdeten Leben.

        
    Mai 1940                                         Dezember 1941                                    März 1944

RoseMarie, bei unserer Rückkehr nach Braunschweig 6 Jahre alt, musste wegen der bevorstehenden Einschulung so schnell wie möglich deutsch lernen. Wir ließen unsere Riesenwohnung in Rühme zu einem ständigen Tummelplatz für Kinder werden. Außerdem "nassauerte" RoseMarie in der Schule im Hause. Obgleich noch nicht dazu gehörend, saß sie mit im Unterrricht und war brennend an allem interessiert, was dort geschah. Wir wollten ihr Französisch, das sie ja fließend sprach, erhalten, stießen aber auf heftige Ablehnung. Ich vermute, dass es zwei Gründe gab:
Zum einen bedeutete für RoseMarie das Französische jetzt eine Isolierung von den anderen Kindern, die wollte sie nicht. Zum anderen - so vermute ich - dass man die Eltern, wenn sie miteinander sprechen, sehr wohl verstehen kann. wenn man deutsch spricht. Französich sprechen hieß für RoseMarie auch, die Unter-sich-Sprache der Eltern nicht verstehen. So erkläre ich mir die heftige Ablehnung unserer Tochter, auch weiterhin, mindestens noch gelegentlich, französisch zu sprechen.

Der Sprachwechsel kurz vor der Einschulung hat RoseMarie nicht behindert. Sie wurde normal eingeschult, legte 1959 - also ohne Verspätung - das Abitur ab und wurde nach 6 Semestern Volksschullehrerin. 

 

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