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Erwerbstätigkeit in Revel 1939 bis 1945

Die Arbeiterlöhne in dieser französischen Kleinstadt waren erbärmlich. und sackten wegen der kriegsbedingten Inflation des französischen Franken immer weiter ab.. Nur  die Auto- und Feuerzeugindustrie in Toulouse bot den Arbeitern bessere Verdienstmöglichkeiten. Aber es war für die Ehefrauen der französischen Soldaten, die an der Front standen oder - später - in großer Zahl in deutscher Kriegsgefangenschaft waren, schon eine Zumutung, anzusehen, wie hier ein Deutscher in wehrfähigem Alter mit seiner Familie fast wie in Friedenszeiten seiner Arbeit nachging. "Wenn er Hitler wirklich bekämpfen will, warum ist er dann nicht an der Front, wo unsere Männer sind?" Diese verständliche Bemerkung einer Soldatenfrau habe ich nur einmal gehört. Unter diesen Umständen war allein ein ärmliches Leben vertretbar. Es gab auch keine andere Wahl. Wir wollten auch in Ehren überleben und dann nach Hause zurückkehren.

Nach einem kurzen Gastspiel in einer Autoreparatur-Werkstatt fand ich Arbeit in der Brauerei. Neben dem Be- und Entladen der LKW bestand meine Hauptarbeit im "Teeren" der Bierfässer. In einem Kessel wurde ein bestimmtes Gemisch aus Harz und Parafin (Teer war es vor Jahrzehnten gewesen) auf 120 Grad C erhitzt und in die Fässer gespritzt. Die Arbeit war in hohem Maße feuergefährlich. Ich habe keinen Brand gestiftet. Keiner meiner Vorgänger, so sagte man mir, habe ein Feuer vermeiden können. Nach dem Zusammenbruch der französischen Armee im Frühsommer 1940 und dem Beginn der deutschen Besatzungszeit erklärte mir der Betriebsleiter, unter den neuen Bedingungen sei eine Beschäftigung eines deutschen Emigranten für den Betrieb eine Belastung und entließ mich - mit Bedauern, wie er sagte.

Kurz danach fand ich einen neuen Arbeitsplatz bei dem Obst- und Gemüsehändler Bluze. Hier war ich die längste Zeit.

Fast alles Benzin blieb der französischen, danach der deutschen Wehrmacht vorbehalten. Die Autos, vor allem die LKW, wurden auf Holzgas umgestellt. Meine Hauptarbeit bestand darin, an einer Kreissäge aus Baumstämmen kleine Holzwürfel von etwa 5 cm Kantenlänge zu machen. Im Winter holten wir Baumstämme aus dem Massif Central, wo Bluze Waldbestände gekauft und durch spanische Holzfäller in Akkord hatte fällen lassen. Das war Knochenarbeit, aber ich tat sie gern, weil sie in das Gebirge führte.
Außerdem waren Auf- und Abladen der Gemüse- und Obstkisten - gelegentlich auch beim Großhändler in Toulouse - wie der Kartoffel- und Topinambour-Säcke meine Aufgabe.
Schließlich habe ich gegen Ende meiner Tätigkeit bei Bluze auch noch autodidaktisch die Buchführung gelernt und sie - ohne Lohnerhöhung - übernommen.

Im späteren Rentenantrag sind folgende Arbeitsstätten aufgeführt:
August bis Dezember 1933 in Holland ohne festes Arbeitsverhältnis;
Januar 1934 bis März 1935 in Saarbrücken bei der französischen Grubenverwaltung als Lehrer;
März bis September 1935 in Revel ohne festes Arbeitsverhältnis;
September 1935 bis Dezember 1939 ohne festes Arbeitsverhältnis in Paris als Lehrer für private Deutschstunden;
Dezember 1939 bis Januar 1940 in Revel bei Jean Lavail, Autoreparatur als Arbeiter;
Februar bis Juni 1940 in Revel bei der Brauerei Revel als Lagerarbeiter;
August 1940 bis Februar 1941 in Soréze in der Sägerei Reynand als Arbeiter;
März 1941 bis März 1944 in Revel im Obst- und Gemüsehandel Francois Bluze als Arbeiter;
April bis Oktober 1944 in Soréze im Obst- und Gemüsehandel bei Emile Teineire als Arbeiter;
November 1944 in Revel bei Arnand Land- und Kohlenhandel als Arbeiter;
Dezember 1944 bis Juli 1945 in Revel bei Jean Pradés, Bauunternehmer als Bauarbeiter;
Juli bis August 1945 in Saarbrücken im Stadtschulamt als Angestellter.

 Danach hatte ich noch andere Arbeitsstellen, bis ich - als letztes - Bauarbeiter bei einem kleinen Bauunternehmer - drei Arbeiter! - wurde. Hier wurde ich über Tarif bezahlt, weil ich ihm bei Bauzeichnungen und -berechnungen half. Das war meine letzte Arbeitsstelle in Revel.

Frankreich wurde von der deutschen Besatzungsmacht rücksichtslos ausgesogen. Zunächst direkt, durch Lieferauflagen und darüber hinaus indirekt durch die Festsetzung eines Wechselkurses von 1 RM = 20 ffs (1:12 wäre korrekt gewesen).
Die Folgen waren Knappheit aller wesentlichen Güter, Rationierung auch aller Lebensmittel und - wie immer - die Entstehung eines riesigen Schwarzen Marktes und der Rückfall auf die Primitivstufe eines Naturalaustausches. Wer nun z.B. als Landwirt oder Weinbauer selbst Lebensmittel produzierte oder damit handelte oder eine andere Tauschware anzubieten hatte, war fein raus. Wer aber - wie wir - wenig verdiente, auch keine produzierende Verwandtschaft hatte, lebte erbärmlich.

In diesen Jahren hat meine Frau den entscheidenden Beitrag zu unserem Lebensunterhalt beigetragen. Sie strickte Handschuhe Pullover, Mützen u.v.a.m; in der Regel mehrfarbig in kunstvollen Mustern. Die Kundinnen leiferten die Wolle - ein wenig musste für unser Kind abfallen -, sie bezahlten den Stundenlohn und lieferten außerdem noch Öl, Eier, Geflügel. Ohne diesen Beitrag wäre das Überleben sehr viel schwieriger geworden. Die Herstellung dieser oft komplizierten Muster verlangte ständige Konzetration. Der Arbeitstag war lang, und die von der Decke herab hängende schirmlose Glühbirne gab nur trübes Licht.

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