revel-1935


Revel (Haute Garonne)

"Hotel du Midi"

Alle Saarflüchtlinge in Evel wurden auf mehrere Hotels verteilt. Unterkunft und Verpflegung gingen - mindestens bis in den September 1935 hinein - zu Lasten der französischen Regierung. Auch wurden Renten und anfallende Erbbeträge aus dem Reich prompt überwiesen. Auch ich erhielt in Revel noch ein Monatsgehalt - ohne Steuerabzug - aus Paris nachträglich überwiesen.

Wir wurden mit etwa einem Dutzend anderer Saaremigranten in das "Hotel du Midi" eingewiesen. Esar ein sehr anspruchsloses Hotel und hatte außer uns nur selten andere Gäste. Die 14-jährige Tochter eines Schicksalsgenossen erschlug in drei Tagen über 100 Wanzen in unserem Zimmer. Ihr machte diese Jagd Spaß. Bisher kannten wir nur Flöhe und Läuse.

Zu der im "Hotel du Midi" untergebrachten Gruppe gehörten auch die Reichsemigranten Karl Mössinger, Sekretär des Metallarbeiterverbandes Ulm und Luise Schiffgens, bekannte Reichtstagsabgeordnete der SPD und ihre erwachsene Tochter Therese(?).

Vom Tage unserer Ankunft an mussten wir als Dolmetscher aushelfen: meine Frau Tag für Tag bei den Einkäufen, besonders der Frauen, und ich ständig im Verkehr mit Amtsstellen (Stadtverwaltung, Polizei, Post u.a.m.).

Ich erbat mir über die Bürgermeisterei 30 Lehrbücher der französischen Sprache, wie sie in den Domanialschulen im Saargebiet einst benutzt wurden. Wir erhielten sie, und ich richtete einen Sprachkurs ein. Die Beteiligung ließ schnell nach (falsche Methode?), aber eine Kerngruppe - in der Mehrzahl Frauen und Mädchen - hielt monatelang durch.

Mehr und mehr gingen saarländische Flüchtlinge arbeiten. Manche gelegentlich, manche schon in festen Arbeitsverhältnissen. Der Gemeindesekretär Pravdiel bat mich, keinerlei Arbeit anzunehmen, sondern weiterhin als Dolmetscher zu dienen. Das brachte zwar nichts ein, aber ich tat es gern, weil anders das Leben der Saarflüchtlinge in der Gemeinde Revel gar nicht funktioniert hätte.

Im August  1935 erhielt ich die Nachrricht, dass Heinrich Groenewald an  der "Pestalozzi-Schule" in Buenos Aires (Argentinien) erhalten habe. Wie abgenacht, hinterließ er mir sein möbliertes Zimmer bei Mme Bomard und einen Stamm von 15 Schülern, die mich als seinen Nachfolger für Privatstunden in deutscher Sprache akzeptiert hatten.
Anfang September 1935 verabschiedeten wir uns von Revel und fuhren nach Paris. Wir erwarteten nicht, jemals wieder nach Revel zu kommen. Aber es kam ganz anders.

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