paris1935-1939


Paris 1935 bis 1939

Das uns von Heinrich Groenewald angebotene Zimmer lag in dem kleinen Vorort von Paris, Fontenay-sous-Bois (Seine), 41. Avenue des Charmes ( = Hainbuchenstraße), am Ostrand unmittelbar südlich vom Bois-de-Vincennes. Von der Metro-Staion Chateau-de-Vincennes waren es gut fünf Minuten zu Fuß. Mairie und Polizei gibt es in Vincennes.

Die Avenue des Charmes war an der Nordseite von kleinen, meist Ein- oder Zweifamilienhäusern bebaut. Die Südseite lag längs der nur aus strategischen Gründen aufrecht erhaltenen Pariser Ringeisenbahn und war unbebaut. Mmm Bomard, bei der wir ein möbliertes Zimmer bewohnten, war 1935 etwa 60 Jahre alt, Putzfrau in einem Vorort-Krankenhaus, HAuseigentümerin, Witwe. Sie bewohnte das Haus mit Sohn (Buchdrucker) und Schwiegertochter (Schneiderin), kinderlos. Ihre politische Überzeugung war linkssozialistisch, ergo solidarisch mit allen von Faschisten Verfolgten.

Während unseres Aufenthaltes haben meine Frau und ich ständig eine "Carte d'Identité" mit Arbeitserlaubnis (Travailleur industriel", d.h. für alle Arbeiten außer Land- und Forstwirtschaft), gültig jeweils zwei Jahre, besessen. Das war der günstiste Ausweis, den ein Ausländer (abgesehen von den Angehörigen des CD) damals haben konnte.
Ich weiß von anderen deutschen Emigranten, die nicht Saarflüchtlinge waren, dass ihr Status sehr viel schlechter war. So hatte z.B. der sächsische Lehrer Stedeli (SAP), den wir in Paris kennen lernten, nur einen Schein, der ihm befahl, binnen drei Monaten das französische Staatsgebiet zu verlassen. Diese Ausweisung wurde bis zu seinem Tode in Paris im Frühjahr 1939 immer wieder um drei Monate verlängert. Ich bin von der Pariser Präfektur nicht freundlich, aber leidlich korrekt behandelt worden. Der Ruf dieser Behörde unter den deutschen Emigranten war ausgesprochen schlecht.

Von den Privatstunden konnten wir auf die Dauer nicht leben. Die Schüler wohnten in den verschiedensten Vierteln von Paris, manche sogar in Vororten.Die Fahrten kosteten Zeit und Geld, denn der Unterricht fand in deren Wohnungen statt. Ich war auch nicht geschäftstüchtig genug, das Honorar den steigenden Lebenshaltungskosten und Fahrpreisen der Metro anzupassen. In dieser Zeit trug meine Frau mit Strick- und Schneiderarbeiten zu unserem Lebensunterhalt bei.

Eine Gruppe deutscher Emigranten, die dem "Internationalen Sozialistischen Kampfbund" (ISK), einer Gefolgschaft des 1927 verstorbenen Göttinger Professor Leonhard Nelson, angehörten, betrieb in Pais auf dem Boulevard Montmartre ein vegetarisches Restaurant, das täglich bis zu 700 Mahlzeiten verkaufte. Der Erlös diente auch den politischen Zielen dieser Gruppe. Es wurde geleitet von Erick Lewinski, der nach 1945 ein hoher Justizbeamter in Kassel wurde. Im Frühjahr 1937 fragte Lewinski meine Frau, ob sie nicht in der Küche des "Vegetarischen Restaurants" mitarbeiten wolle. Sie nahm an. Die Küche gewann eine erste Kraft, meine Frau war damit in der französischen Sozialversicherung und unser Haushalt hatte eine solide, wenn auch nicht üppige wirtschaftliche Grundlage. Der Kriegsausbruch 1939 stellte alles wieder in Frage.

 

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