neuanfang1946


Der Neuanfang 1945

Vom ersten Jahr unserer Emigration hat mich die Frage nach der moralischen Rechtfertigung dieser Entscheidung bewegt. Mich nach unserer Rückkehr nach Braunschweig zu befragen, konnten nur diejenigen ein Recht haben, die unter höchstem Risiko während des ganzen "Dritten Reiches" in Deutschland Widerstand geleistet hatten. Keiner von diesen hat mir jemals diese Frage gestellt. Sie erkannten offenbar in meinem Falle das Recht auf Emigration diskussionslos an und freuten sich über unser Überleben und über unsere Rückkehr.
Dr. Heinrich Jasper, führender Sozialdemokrat und langjähriger Minister und Ministerpräsident der Braunschweigischen Landesregierung in der Weimarer Zeit, wurde die Möglichkeit zur Emigrat geboten. Er schlug sie aus mit der Begründung: "Die Arbeiter, die mir immer vertraut haben, können auch nicht emigrieren." Er wurde mehrfach von SA-Banditen misshandelt und schließlich im KZ Bergen-Belsen viehisch umgebracht. Eine Büste vor dem früheren Ministerium, später Verwaltungspräsidium, dann Bezirksregierung, erinnert an ihn.

Zunächst gab es für uns eine Flut von handfesten, materiellen Problemen. Da war als erstes die Wohnung. Nach unserer Rückkehr im Oktober 1945 wohnten wir etwa 14 Tage provisorisch bei den Schwiegereltern. Dann wurde die zugewiesene Lehrerdienstwohnung bei der Schule Rühme frei. Es war ein über 100 Jahre alter Fachwerkbau, Toilette auf dem Hof, Wasser aus der Pumpe, im zerstörten Braunschweig des Jahres 1945 eine unbezahlbare Kostbarkeit. Was uns störte, war die Größe der Wohnung: 8 Zimmer! Wir konnten sie weder nutzen noch möblieren. Daher bemühten ich mich sofort um einen Tausch gegen eine Drei- höchstens Vierzimmerwohnung möglichst in der Stadt, da ich den Weg zur Hochschule mangels öffentlicher Verkehrsmittel in der Regel täglich viermal zurücklegen musste. Der Winter 1945/46 war sehr streng und schneereich, meine Schuhe waren löcherig, und hinreichend warm angezogen waren wir auch nicht. Uns fror - wie viele andere - draußen und in der Wohnung erbärmlich. Der Tausch gelang zum 1. Februar 1946. Seitdem wohnen wir in einer Vierzimmerwohnung in der Amalienstraße.

Die beamtenrechtliche Wiedergutmachung habe ich ohne Schwierigkeiten erfahren; d.h. ich wurde in Bezug auf Besoldungs- und Pensiondienstalter so gestellt, als ob ich nie entlassen worden wäre. Weitere Ansprüche habe ich nicht geltend gemacht.

Vom Hausrat und Mobiliar, das wir 1933 zurückgelassen hatten, war das meiste verbrannt oder verbraucht. Es dauerte etwa bis 1954, dass wir wieder einen normalen Hausstand hatten.

In den Jahren 1946 bis 1949 haben uns Care-Pakete viel geholfen. Da wir uns selbst nie darum bemüht haben, müssen Freunde und Bekannte aus der Emigrationszeit, die nach den USA gelangt waren, uns genannt haben. Wir wissen nicht, wem wir diesen Liebesdienst zu verdanken haben.

 

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