lehreremigranten


Verband deutscher Lehreremigranten

Kurz nach unserer Ankunft in Paris begann ich, die deutschen Lehrer-Emigranten in aller Welt zu sammeln. Wir gründeten die "Union des Instituteurs allémands emigrés", die vom "Internationalen Berufssekretariats der Lehrer" in Brüssel mit Generalsekretär Bracops als deutsche Sektion mit vollen Mitgliedsrechten anerkannt wurde. Als "deutscher Vertreter" (ohne Namensnennung) habe ich an den Kongresses des IBSL in Pontgny 1937 und Nizza 1938 teilgenommen.

Über die Geschäftsstelle des SNI (Paris, 9. rue de Université) forderten wir von den bekanntesten deutschen Schulbuchverlagen Exemplare der neuen Schulbücher, hauptsächlich Lese- und Geschichts-, Biologie- und Liederbücher an und untersuchten sie auf ihren chauvinistischen, militaristischen, rassistischen und totalitären Geist. Das Ergebnis war unsere Broschüre "L'Allemagne Nouvelle dans son Mannel Scolaire".
Ich habe die Schlussfassung in französischer Sprache geschrieben. Gaby, eine zweisprachige Schweizerin aus ISK-Kreisen, hat mein Französisch korrigiert. Der Umschlag zeigt das Bild eines biederen deutschen Schulgebäudes, auf dessen Dach ein schweres Hakenkreuz lastet. Durch mehrfache Hinweise in der "Ecole Libératrice", dem Zentralorgan der französischen Lehrergewerkschaft (SNI), wurde die Broschüre der Lehrerschft in Frankreich angeboten. Die Auflage betrug 2.000 Stück. Verkauft wurden etwa 1.800. Die restlichen 200 Exemplare wurden bei Kriegsausbruch in der Rue de l'Université auf meine dringende Bitte vernichtet.

Der "Verband deutscher Lehrer-Emigranten" ("Union des Instituteurs Allemands Emigrés") hat es auf etwa 125 bis 150 Mitglieder gebracht. Ich habe fast 30 Rundschreiben herausgegeben. Die einzige Mitgliederliste mit vollen Namen und Adressen habe ich bei Kriegsausbruch vernichtet. In den Rundschreiben wurden die Mitglieder nur mit ihrer Nummer bezeichnet. Wir baten die Mitglieder ständig um Informationen über die Vorgänge aus dem Bereich der Schule und Lehrerschaft, die sie aus dem 3. Reich erfahren hatten, und teilten sie allen Mitgliedern mit.

Wesensgemäß waren die Mitglieder über viele Länder verstreut. Es waren einige sehr bekannte darunter wie Kurt Löwenstein (Paris), Anna Siemsen (Schweiz),  August und Hans Siemsen (Buenos Aires), Minna Specht (England), Ernst Behm (Schweden), Egon Bratu (Brüssel).
Der Vorort war Paris. Hier entwarfen wir in monatelangen Beratungen ein Schulprogramm für das Deutschland nach Hitler. Hauptmitarbeiter waren Kurt Löwenstein und sein Sohn Dyno, Hans Lewinski, Erich Stedeli und Frau aus Chemnitz, das Ehepaar Brill aus Frankfurt und Frau Schramm aus Berlin. Ich sandte den Entwurf an alle Mitglieder und bat um Stellungnahmen. Danach wurde von der Pariser Gruppe die Schlussfassung formuliert.

Etwa im Sommer 1938 teilte mir ein Sozialarchiv in Amsterdam mit, dass es die Dokumante der deutschen Emigration in einer besonderen Abteilung systematisch archivieren wolle und bat um Dokumente der "Union des Istituteurs Allemands Emigrés". Die Holländer haben mit viel Mut und Geschick auch dieses Material, das für die Gestapo eine Fundgrube hätte werden können, über Kriegs- und Besatzungszeit hinweggerettet.

Eine Forschungsgruppe der Universität Frankfurt am Main hat unter Frau Prof. Feidel-Mertz als Auftrag die Erforschung der Arbeit des "Union des Instituteurs Allemands Emigrés" und verfügt heute auch über die Unterlagen des genanntes Amsterdamer Instituts.

(Die Max-Traeger-Stiftung hat das Buch "Lehrer in der Emigration" von Hildegard Feidel-Mertz und Hermann Schnorbach im Jahr 1982 in einer Sonderausgabe beim Beltz-Verlag, Weinheim veröffentlicht. Der Verfasser)

Die Weltausstellung 1938  führte viele tausend Deutsche nach Paris. Auch für die Emigranten bot es die Möglichkeit zum vielfältigen Wiedersehen. Einige Gruppen nützten diese Chance auch zum Ausbau illegaler Beziehungen. Im Rahmen der Weltausstellung fand auch ein großer internationaler pädagogischer Kongress statt, dessen Organisation in den Händen des "Sydicat National des Instituteurs", vor allem Georges Lapierres, lag. Dieser veranlasste, dass einige deutsche Lehreremigranten, darunter auch ich, als technisches Personal stundenweise beschäftigt wurden. Bei dieser Gelegenheit lernte ich fast alle Minister der Regierung der "Front Populaire", Leon Blum an der Spitze, kennen. Der Vater eines meiner Privatschüler, Jean Zay aus St.-Ouen, war "Chef du Cabinet" geworden. Er wurde unter der deutschen Besatzung als Widerständler erschossen.

 

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