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Der Weg in die Internierung

1. Station Stadion von Colombes

Etwa um den 6. September 1939, nachmittags gegen 17,30 Uhr präsentierte ich mich am Eingangstor des Stadion Colombes. Vor dem Tor stand ein etwa 50 Jahre alter Pariser Stadtpolizist ("Flic") mit Schnauzbart, Kepi und Pelerine, wahrscheinlich Großvater von vielen Enkelkindern. Es entwickelte sich folgendes Gespräch:
"Was willst Du hier?"
"Ich bin Deutscher; ich soll da 'rein."
"Es ist schon Feierabend, komm morgen wieder."
"Und wenn ich von der Militär-Patrouille verhaftet werde?"
"Na und? Dann wirsat du in einer Grünen Minna hergebracht; das ist gratis; kommst du freiwillig mit dem Bus, musst du bezahlen."
Das war die andere Seite der Panik und des Chaos vom Gare d'Austerlitz.
Nun nahm auch ich mir noch Zeit. Erst einige Tage später fuhr ich wieder hinaus nach Colombes, dieses Mal vormittags und durfte hinein.

Auf einem Vorplatz des eigentlichen Stadions wurden die Internierten zu Kompanien zusammengestellt. Da es in der Pariser Region nur eine kleine Zahl von Saarflüchtlingen gab, dauerte es noch einige Tage, bis die Mindestzahl (vielleicht 100?)  zusammen gestellt war. Wir schliefen unter freiem Himmel. Die Nächte waren noch lau. Dann wurde in Viererreihen angetreten. Drei Poilus, feldmarschmäßig in Stahlhelm und mit aufgepflanztem Bajonett, stellten sich neben uns. Ein junger Leutnant kam heran und rief mich auf: "Sie sind der Kompanie-Chef!" Und er verschwand wieder. Ich war nie Soldat gewesen und war auch bar jeden militärischen Ehrgeizes. Ich fragte die Poilus, was ich zu tun hätte. Sie antworteten, ich solle ihnen "Vorwärts marsch!" befehlen. Ein Soldat setzte sich an die Spitze, einer an das Ende, der dritte marschierte an der Seite. Ich trottete irgendwo nebenher. So ging es in das Stadion. Wir waren im Internierungslager. Es war der 9. September 1939.

Das Stadion von Colombes war ein riesiges, rundum geschlossenes Oval. Der verschlossene Horizont vermittelte ein deprimierendes Gefühl des Isoliertseins.
Die Internierten, etwa 500 an der Zahl, lagen zwischen den Bankreihen aus Beton oder Holz. Die vorderen Reihen, etwa ein Drittel des Ganzen, waren nicht überdacht. Zwischen die Reihen wurde nach und nach Stroh geschüttet. Decken hatten die Internierten gemäß dar Aufforderung auf den Plakaten mitgebracht.
Die Verpflegung war, nach Kalorien gemessen, wahrscheinlich ausreichend, aber schrecklich einförmig. Solange wir in Colombes waren, gab es zu jeder Mahlzeit, ohne jede Ausnahme, immer wieder (gutes) Graubrot und Leberpastete, wahrscheinlich von der Armee in großen Mengen bei der reputierten Delikatessenfirma GEO reqiriert. Die Folge waren allgemeine Verdauungsstörungen und Verstopfungen. Die sanitären Bedingungen waren skandalös. Am Rande des Stadions waren ganze Batterien von großen Tonnen, wie sie heute von der Müllabfuhr verwendet werden, in die Erde versenkt. Das war alles.

Über die französischen Wachsoldaten konnte man sich auf eigene Kosten Lebensmittel aus der Stadt besorgen, die dann als Postpakete ankamen. Auch unsere Kompanie hat solche Einkäufe vorgenommen. Die hilfreichen Poilus haben keinen Centimes daran verdienen wollen. Auch jedes Paket Gauloises, das ihnen als Anerkennung angeboten wurde, lehnten sie ab. Dass diese Einkäufe der Soldaten für die Internierten völlig legal waren, vermag ich nicht zu glauben. Wozu dann der Umweg über das Postpaket?

Der Lagerkommandant war ein reaktivierter Offizier (Capitain) aus dem Ersten Weltkrieg. Ihm war in deutscher Gefangenschaft ein Bein amputiert worden. Er glaubte, aus purer Bosheit, ohne medizinische Notwendigkeit. Immer wieder verkündete er, im Lager solle eine strenge, aber gerechte Ordnung herrschen. Wenn er einen Internierten für 48 oder 72 Stunden in den Karzer schickte, begnadigte er ihn immer nach 12 Stunden. Rauhe Schale, weicher Kern. Der Karzer in Colombes war eine Art Käfig auf dem Spielfeld. Tausende konnten darauf starren.

Es gab Internierte, die gebürtige Elsässer waren, in Paris lebten und kein Wort deutsch sprachen. Sie - oder ihre Eltern - hatten nach 1918, als alle Elsaß-Lothringer für Deutschland oder Frankreich optieren mussten, nicht für Frankreich optiert - wahrscheinlich überhaupt nicht abgestimmt - und waren damit juristisch Deutsche geblieben. Einige hatten Französinnen geheiratet. Diese Frauen waren es hauptsächlich, die die zuständigen französischen militärischen und zivilen Stellen mit Beschwerden über die Zustände im Lager Colombes bombardierten. So stand eines Tages ein hoher Sanitätsoffizier am Lagereingang. Ich ging zu ihm, stellte mich vor und fragte, ob er sich die Unterbringung und besonders die Latrinen nicht aus der Nähe ansehen wolle. Er antwortete mir kurz, das sei nicht nötig, er wisse Bescheid. Schon am nächsten Tag wurde das Lager von Colombes geräumt. Alle Internierten wurden mit der Bahn in Personenwagen - jeder hatte einen Sitzplatz - nach Meslay-du-Maine (Mayenne) gebracht. Uns begegneten Militärtransporte. Die französischen Soldaten in Güter- und Viehwagen.

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