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Das Lager Meslay-du-Maine (Mayenne)

Das neue Lager bestand aus nichts. Auf freiem Feld standen wir. In meiner Kompanie wurde das sentimentale "Wilde Gesellen, vom Sturmwind verweht, ..." angestimmt. Der Gesang war Ventil.

Der Kommandant verkündete, das Lager sei von Maschinengewehrposten umstellt. Auf jeden Flüchtling würde geschossen. Wir glaubten ihm kein Wort. Flüchten? Wohin denn?

Währende der folgenden Tage wurden in der ganzen weiteren Umgebung alle Zelte, die sonst auf Jahrmärkten, Schützenfesten usw. gebraucht wurden, requiriert, ebenso alles Stroh. Nach und nach wurden alle Internierten in Zelten auf Strohlagern untergebracht. Auch gab es jetzt morgens Kaffee und schließlich auch eine warmes Essen. Und auch richtigen Stacheldraht um das ganze Lager.

Der Karzer war ein leerer Ziegenstall. Es gab dort mehr Stroh als im Zelt, und es war wärmer. Häufig spielte der Gefangene durch die halboffene Tür Schach mit dem Wachsoldaten.

Meslay-du Maine liegt im Lande des Calvados. Die meisten von uns kannten diesen tückischen Apfelschnaps nicht. Eines Abends kamen sechs Wachsoldaten - alle über 50 Jahre alt - mit einigen Flaschen Calvados in unser Zelt. Es wurde sehr fröhlich, und schließlich schenkten  uns die Soldaten ihre (ungeladenen) Gewehre. Sie sagten uns, kein Offizier sei im Lager. Am nächsten Tage wurde im Lager erzählt, die Sache sei den Offizieren zu Ohren gekommen und eine Untersuchung sei im Gange. Ich verpflichtete die Kompanie, unter keinen Umständen einen der Soldaten zu belasten. Einzige Aussage, komme, was da wolle: "Ich war total blau; ich erinnere mich an absulut nichts." Sie haben alle standgehalten.
Dann wurde ich zum Lagerkommandanten befohlen. Er verlangte von mir eine genaue Darstellung mit allen Einzelheiten des Geschehens. Ich erklärte ihm, ich könne kaum Alkohol vertragen und sei wahrscheinlich als erster völlig blau gewesen. "Und das mit den Gewehren?" raunzte er mich an."Gewehre habe ich nicht gesehen; aber als ich einmal austreten musste, standen vor dem Zelt sechs große Kanonen; aber wie gesagt, ich war blau." Er warf mich hinaus. Einige Stunden später befahl er mich wieder zu sich und erklärte: "Ich glaube ihnen kein Wort; aber ich respektiere ihre Haltung. Raus!"

Fast täglich wurden einigen Internierten Die Möglichkeit zu Arbeiten für Privatleute außerhalb des Lagers geboten. Am begehrtesten waren Bauhandwerker, auch Installateure und Tischler. Die Internierten meldeten sich gern. Die Zahl der Arbeitenden überstieg niemals 10% der Belegschaft.

Mitte November ergriff das Lager eine fiebrige Unruhe. Es ging das Gerücht um, eine Kommission sei aus Paris angekommen, um die Fälle zu überprüfen, die eventuell für eine Entlassung in Frage kämen. Tatsächlich wurden ab etwa 20. November fast täglich Gruppen von schätzungsweise 20 bis 50 Internierte freigelassen. Die Betroffenen wurden am Vorabend gegen 21.00 Uhr aufgefordert, am nächsten Morgen um 6.00 Uhr mit allem Gepäck abmarschbereit zu sein.
Am 24. November traf es dann fünf aus meiner Kompanie, darunter auch mich selbst. Meine Bitte, mich direkt nach Revel zu entlassen, wo meine Frau und meine Tochter lebten, wurde abgelehnt. Jeder wurde an den Ort entlassen, wo er bei der Internierung gelebt hatte. Das war für uns alle Paris. Die Kriterien, die zur Entlassung führten, waren für mich nicht immer erkennbar. Es ist einsehbar, dass ein kriegführender Staat "feindlichen" Ausländern die Möglichkeit zu Spionage, Sabotage, Propaganda nehmen muss. In Frankreich aber - mindestens in der Pariser Region - waren etwa 80% der Internierten, z.B. fast alle deutschen Juden und fast alle politischen Emigranten, unnötigerweise interniert worden. Meine Entlassung erfolgte hauptsächlich aus zwei Gründen:
1. Meine im Februar 1939 im Paris geborenen Tochter besaß eine Anwartschaft auf die französische Staatsangehörigkeit;
2. es stand fest, dass ich für Frankreich kein "feindlicher Ausländer" war.

Die zurückbleibenden Kameraden fragten mich, ob ich bereit sei, Post für sie mit hinauszunehmen. Ich erklärte mich bereit, machte sie aber auf ihr eigenes Risiko aufmerksam, falls ich durchsucht würde. Mein Risiko schätzte ich auf etwa drei Tage Karzer oder - und - 14 Tage weiteres Verbleiben im Lager. 
Schließlich hatte ich 121 Postkarten und Briefe, auf alle vorhandenen Taschen verteilt, bei mir.

Am nächsten Morgen war Abmarsch aus dem Lager. Es mag eine Kolonne von etwa 50 Mann gewesen sein. Das Gepäck, die Alten und Schwachen wurden auf einem LKW befördert; wir anderen marschierten die etwa 3 km zum Verwaltungsgebäude des Lagers gern zu Fuß.
Im Verwaltungsgebäude erhielten wir alles korrekt zurück, was wir beim Eintritt in das Lager in Colombes hatten abgeben müssen: Messer, Gabeln, Rasierklingen und das Geld, das wir über einen Grundbetrag von etwa 100 ffs hinaus bei uns gehabt hatten. 

Dann folgte der letzte Appell.  Auf einem Tisch stand ein Leutnant, der langsam einen Namen nach dem anderen aufrief. Der Aufgerufene musste etwa 30 Schritte weit vor dem Tisch vorbeigehen und wurde dabei vom Lagerkommandanten, der neben dem Leutnant stand, noch einmal scharf gemustert. Als ich aufgerufen worden war und mit zerbeultem Hut in der Hand vor dem Tisch stand, sagte der Kommandant:
"Aber sie sind doch der Chef der 5. Kompanie!"
"Oui, Monsieur." (auch jetzt nicht: "Mon Capitaine"). Er überlegte einen Augenblick; dann:
"Vergessen sie nie, dass Frankreich die Wiege der Freiheit und ein Land des Asyls ist."
"Je le sais, Monsieur."

Vom Bahnhof Meslay-du-Maine fuhren wir nach Laval. Dort hatten wir fünf Stunden Aufenthalt.. Entgegen der erhaltenen Weisung erlaubte ich den vier Angehörigen meiner früheren Kompanie, das Bahnhofsgelände zu verlassen, bat sie aber dringend,, sich nicht zu betrinken, Auseinandersetzungen - mit wem auch immer - unbedingt zu vermeiden und spätestens 30 Minuten vor der Weiterfahrt zurück zu sein. Sie haben es gewissenhaft befolgt.

Am späten Abend kamen wir in Paris an und gingen auseinander. Jetzt war ich wieder "privat". Noch in der Nacht fuhr ich weiter nach Toulouse, dort mit der Straßenbahn vom Bahnhof zur Pont des Demoiselles, von wo damals die "Micheline" direkt nach Revel fuhr. Am 26. November kam ich dort an.

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