holland1933


Holland 1933

In den ersten Augusttagen 1933 ginen wir in Amsterdam zur Fremdenpolizei, zum Mateotti--Komitè-und zur holländischen Lehrergewerkschaft.

Polizei: Als einziges Personalpapier hatte ich - zufällig - meinen Trauschein bei mir, der keinerlei Identifikationswert besaß. Die holländische Lehrergewerkschaft und  A.I.J. Brandenburg bürgten für meine Identität. Ich erhielt den üblichen Flüchtlingsausweis für zunächst drei Monate, jedoch keinerlei Arbeitserlaubnis.

Mateotti-Komitè: Identifikation durch den jüdischen Rechtsanwalt Dr. Frank aus Braunschweig, der sowohl Rudolf Wiesener als auch mich persönlich kannte. Das Komitè übernahm für uns die juristische und politische Betreuung, aber keine finanzielle Unterstützung, da wir nicht der SPD angehörten. Uns schien das in Ordnung.

Lehrergewerkschaft (N.O.V.): Hier war ich nach einer Tagung des "Internationalen Berufssekretariats der Lehrer" 1932 in Hamburg den führenden Männern der N.O.V. (Holländische Lehrergewerkschaft) persönlich bekannt. über die N.O.V. ließ ich mir aus Deutschland Schulbücher und Liederbücher von deutschen Verlagen kommen und dokumentierte in der Zeitung der N.O.V. den agressiv-chauvinistischen, militaristischen und anitsemitischen Charakter dieser Bücher.


Rudolf Wiesener und Heinrich Rodenstein
in Amsterdam 1933

Im Austausch gegen eine Stunde Deutsch nahm ich bei einer holländischen Lehrerin fast täglich eine Stunde Unterricht in Holländisch. Nach sechs Wochen konnte ich leidlich holländisch parlieren, lesen und schreiben.

Meine Frau teilte mir meine Entlassung und die Gehaltszahlung zum 31. Oktober 1933 mit. Ich riet ihr dringend, zu versuchen, einen Reisepass zu bekommen. Sie tat es mit Erfolg. Wir einigten uns auf Anfang November als Termin ihrer Ausreise aus Deutschland.

Schon in Holland, wie später auch im Saargebiet und in Frankreich, habe ich es abgelehnt, an der Verbreitung illegaler Drucksachen in Deutschland mitzuwirken. Ich hatte dafür rationale und moralische Gründe:

a) Aufgrund meiner Erfahrung in Braunschweig in der ersten Hälfte des Jahres 1933 hielt ich das Verteilen von illegalem Propagandamaterial bei dem damaligen Zustand der öffentlichen Meinung für ineffektiv und in keinem Verhältnis zu den vorauszusehenden Opfern. Es waren m.E. lauter Himmelsfahrtskommandos.

b) Solange ich nicht selbst bereit war, mit illegalem Material nach Deutschland zu gehen, mochte ich es anderen nicht zumuten. So habe ich mich während meiner ganzen Emigrationszeit verhalten, habe aber keinen Augenblick aufgehört, den Natioalsozialismus zu bekämpfen.

Anfang Oktober 1933 teilte mir das Mateotti-Komitè in Amsterdam mit, dass an den französischen Dominalschulen im Saargebiet deutsche Lehrer gesucht würden. Diese Mitteilung kam von einem deutschen Lehrer aus Saarbrücken.

Da ich in Holland keinerlei Aussicht auf eine Arbeitsgenehmigung hatte, entschloss ich mich, nach dem Saargebiet zu gehen. Ich wußte, dass diese Zwischenstation nur bis zum 15. Januar 1935 dauern und dass die darauf folgende Station Frankreich sein würde.

Am 7. November 1933 folgte mir meine Frau in die Emigration. Sie kam per Rad an derselben Stelle wie ich seinerzeit über die deutsch-holländische Grenze. Wir trafen uns am Ortseingang von Doetinghem auf der Landstraße. Da sie einen deutschen Reisepass besaß, ließen wir ihr auf dem als emigrantenfreundlich geltenden französischen Konsulat in Rotterdam Visa für Belgien und Frankreich ausstellen. Meine Frau kehrte zunächst zur Familie Brandenburg nach Amsterdam zurück. Ich - ohne Pass und Visa - machte mich auf den - illegalen - Weg nach Saarbrücken.

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