familienheimkehr


Rückkehr mit Familie

Einige Tage später ging ich zum zweitenmal auf die Regierung. Ich erklärte, dass für mich das Heimholen der in Revel sitzenden Familie Vorrang habe. Mir wurde eine freiwerdende Lehrerdienstwohnung in dem eingemeindeten Dorf Rühme, etwa 4 km vom nördlichen Stadtrand Braunschweigs, fest zugesagt. Ich lehnte ab, in die Verwaltung zu gehen. (Reaktion: "Dann können wir ja die Nazis zu Schulräten machen.") Offenbar bestand bei einigen Freunden in der Regierung dieser Plan. Ich wünschte, das wieder zu tun, was ich bei meiner Entlassung 1933 getan hatte: eine Klasse haben und in der Lehrerbildung mitarbeiten. Die Abordnung in die Lehrerbildung wurde mir zugesagt. Die Arbeit aufzunehmen, bevor die Familie zurück geholt war, lehnte ich ab.

Nun begann für mich das letzte Kapitel der Emigration. Es ging nur noch darum, Frau und Töchterchen heimzuholen. Aber die Reise Braunschweig - Südfrankreich und zurück war im Herbst 1945 immer noch ein Abenteuer.
Mit dem Reisepapier des französischen Leutnants kehrte ich zunächst nach Saarbrücken zurück. Wir hatten auch in diesem Fall Glück. Alle beantragten Reisepapiere lagen vor. Also gleich weiter nach Revel. In Paris gab ich ein Telegramm auf und kündigte meine Ankunft mit der Micheline aus Toulouse für den morgigen Abend an. In Toulouse gab es so viele Reisende nach Revel, dass eine zweite Micheline eingesetzt werden musste. Ich konnte nur in der zweiten unterkommen. Frau und Kind wollten schon verzweifeln. Ein Reisender, der uns offenbar kannte, sagte meiner Frau, dass er mich in Toulouse gesehen hätte und dass ich sicher mit der zweiten Micheline kommen würde. Und so geschah es. Die Tochter war jetzt sechs Jahre alt und schulpflichtig. Ich sagte dem Schulleiter, mit dem ich mich als als eifriger Kunde der Schulbibliothek angefreundet hatte, dass wir jetzt für immer nach Deutschland zurückkehrten, und er bestand nicht auf den wenigen Tagen Schulbesuch RoseMaries.
Meine Frau hatte bereits begonnen, RoseMarie die ersten deutschen Brocken beizubringen. - Die Mairie stellte mir ein lobesvolles Führungszeugnis aus, das ich noch besitze.

Karl Mössinger übergab uns 800,- RM als Rückwanderungshilfe von der C.G.T., dem neu gegründeten Gewerkschaftsbund. Pablo Martinez, ein nach Frankreich emigrierter Franco-Gegner, weinte bitter. Wir kehrten heim, und er musste im Ausland bleiben. Alle zurückbleibenden Spanier, Saarländer und Elsässer waren zutiefst bewegt. Für die letzten französischen Franken, die meine Frau während meiner Abwesenheit durch einiges Stricken noch verdient hatte, kauften wir eine Daunendecke und einiges Fett, das uns übrigens aus unserem Gepäck während der Rückreise gestohlen wurde.
Der Polizeikommissar schloss beide Augen. Wir besaßen zwar die Einreisegenehmigung für das Saarland, aber keineswegs eine Ausreisegenehmigung aus Frankreich. Es hätte sicher Monate gedauert, sie zu erlangen. Ich verzichtete auf jeden Versuch in dieser Richtung.

Ende September 1945 reisten wir aus Revel ab. Wir wussten, wie viel wir dieser Gemeinde zu verdanken hatten.

In Paris gab es ein Wiedersehen mit Mme Bomard, die uns von dem ruppigen Auftreten der Gestapo berichtete. Auch diese Frau gehört zu denen, die uns den Glauben an die Menschheit bewahrt haben. - Auf einem Boulevard schenkten amerikanische Soldaten RoseMarie kostbare Schokolade.

In Saarbrücken wohnten wir einige Tage beim Bürgermeister Detgen. Ihm und Margard habe ich zu keinen Augenblick verschwiegen, dass wir nicht daran dächten, im Saarland zu bleiben. Trotzdem drängten mich beide wieder, nicht nach Braunschweig weiterzureisen. Ich lehnte wieder ab. So kam es auch dort zum Abschied von Menschen, ohne die unser Leben noch schwieriger gewesen wäre.

Die Bahnfahrt nach Braunschweig verlief zeitgemäß "normal", d.h. wir blieben mehrfach auf einer Station stundenlang liegen, weil unsere Lok anderswo dringend gebraucht wurde, bis sich eine andere Lok fand. Aber was machte das schon!

Am 3. Oktober 1945 kamen wir abends in Braunschweig an.

Das Kapitel Emigration war abgeschlossen.

 

Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!