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Emigration - Die Ausreise

Die Schreckensherrschaft der Nazi-Schlägerkolonnen erreichte in Braunschweig ihren düsteren Höhepunkt am 4./5. Juli 1933. Die zur Hilfspolizei avancierte SA hatte das Gebäude der AOK am Fallerslebertor zu ihrem Privatgefängnis gemacht. Völlig willkürlich wurden Bürger - mit Vorliebe im Morgengrauen - aus ihren Wohnungen abgeholt und in der AOK "vernommen". Schwerste Misshandlungen waren an der Tagesordnung. Am Morgen des 4. Juli holte eine Gruppe von SA-Führern zehn inhaftierte,  z.T. schon bewusstlos Geschlagenen, ab und lud sie auf einen LKW. Sie wurden in den "Pappelhof" in Rieseberg bei Königslutter gebracht, dort viehisch zusammengeschlagen,  anschließend allesamt ermordet und in einem Massengrab am Rande des Rieseberger Friedhofes verscharrt. Es handelte sich um neun Arbeiter, meistens kommunistische oder der KPD nahe stehende Betriebsfunktionäre, und den parteilosen Lehrerstudenten Gustav Schmidt, Sohn eines evangelischen Pfarrers aus Elberfeld. Fast alle Ermordeten waren mir persönlich bekannt. Mit Gustav Schmidt waren wir befreundet. Er gehörte zum Kreise der Jensen-Studenten und war mit Herta Wöhldecke, später verheiratete Blut, verlobt. Lähmendes Entsetzen packte einen großen Teil der Braunschweiger Bürger, als sich diese Nachricht wie ein Flugfeuer verbreitete.

Am 8. Juli begannen die großen Sommerferien der Schulen. Schon seit einigen Wochen hatten wir eine kleine Hütte auf einem Bauernhof in dem Dorfe Seershausen, direkt an der damals noch sauberen Oker, etwa 20 km von Braunschweig gelegen, gemietet. Wir fuhren mit dem Rade dorthin und nahmen - so nahe bei Braunschweig - nur das Notwendigste zum Kampieren mit.

Zeitpunkt und Ortswahl hatten nichts mit den Vorgängen in Braunschweig, aber alles mit unseren Lebensgewohnheiten aus der Jugendbewegung und unserer knappen Kasse zu tun.

Außer Matha, meiner Frau und mir lebten Rudolf Wiesener und Frau Marianne und einige andere Freunde in dieser Hütte. Rudolf Wiesener, Buchdrucker, war als "Brandlerianer" schon im Spätsommer 1929 aus der KPD ausgeschlossen worden und der SAP beigetreten.


Rudolf Wiesener und Heinrich Rodenstein
in Seershausen 1933

Am 15. Juli kam Rudolfs Schwager, Robert Meier, aus Braunschweig zu uns in die Hütte und teilte uns mit, dass sowohl Rudolfs Wohnung (Langer Kamp) als auch unsere Wohnung in der Hildebrandtstraße 47 von der SA besetzt seien. Er selbst habe gesehen, wie eine Abteilung SA den ganzen Block am Burgundenplatz umstellt und dann in unsere Wohnung eingedrungen sei. Eine Rückkehr nach Braunschweig wäre heller Wahnsinn gewesen. Und schließlich waren seit dem Rieseberger Massenmord erst zehn Tage vergangen.

Als erster sprach Rudolf Wiesener von "Ausland" und "Emigration". Bis zu diesem Augenblick hatte ich niemals diese Möglichkeit erwogen. Nur so ist es auch zu verstehen, dass ich keinen Reisepass besaß und auch kein anderes, leidlich brauchbares Ausweispapier bei mir führte. Rudolf Wiesener war fast ebenso schlecht dran.

Die einzigen Ausländer, die ich gut kannte, waren zwei holländische Kollegen, die vor zwei Jahren meine Gäste gewesen waren. Aber ich brauchte 24 Stunden intensiven Grübelns, bis mir die Adresse der Brandenburgs in Amsterdam, Zaanhof 3, wieder einfiel. Dann erinnerte sich Marta, dass ein Bruder oder Schwager Lotte Schwiegers unmittelbar an der holländischen Grenze wohnte. Damit stand fest: wir mussten mit Hife der Verwandten Lotte Schwiegers über die holländische Grenze kommen und dann zu Brandenburgs in Amsterdam fahren. -

Ich wollte, dass Marta sofort mit mir emigrierte. Dazu konnte ich sie nicht bewegen. Sie war trotz aller akuter Gefährdung nicht bereit, die soeben erst abbezahlten Möbel einfach aufzugeben. Auch hatten wir ja mindestens das Juli-Gehalt noch zu erwarten. Damit war entschieden: die Frauen kehren nach Braunschweig zurück, liquidierten den Haushalt  und folgen uns dann in die Emigration.

Aus Seershausen mussten wir nun so schnell wie möglich verschwinden. Es lag zu nahe bei Braunschweig und der Bauer, auf dessen Hof wir wohnten, kannte unsere Namen. Wir beschlossen, zunächst nach Osten an den Arendsee, auszuweichen, wo ein skuriler Naturapostel, gustav nagel, einen kleinen Ort weltbekannt gemacht hatte. Dort wollten wir Zwischenstation machen.

Wir schrieben an Lotte Schwieger, sie möchte uns postlagerd an den gustav-nagel-ort die Adresse ihres Verwandten an der holländischen Grenze mitteilen und diesem unseren baldigen Besuch ankündigen. Wir fanden am Arendsee die Adresse vor und radelten von dort nun immer nach Westen. Etwa in Wittingen trennten wir uns von den Frauen: Marta und Marianne kehrten nach Braunschweig zurück.

Marta wurde nach ihrer Ankunft verhaftet und in das berüchtigte AOK-Gebäude gebracht. Ihr selbst wurde zwar nichts angetan, aber sie konnte die Schreie der Misshandelten hören und auch entstellte Gesichter sehen. Sie sollte angeben, wo ich sei. Sie antwortete, ich sei auf dem Rade im Harz unterwegs, um meine arische Großmutter ausfindig zu machen, wofür sich ja die Behörde interessiere. Dank ihres resoluten wie auch pfiffigen Auftretens und auch als Folge unzulänglicher Registratur konnte Marta wieder heimgehen.

Bei ihrer Ankunft in Braunschweig hatte Marta auch meine Entlassung aus dem Schuldienst zum 31. Juli 1933 vorgefunden. Die Gehälter für August, September und Oktober wurden - nachträglich, wie Brüning eingeführt hatte - noch gezahlt. Die loyale Verwaltung zahlte, als hätte sie nie von einer Fahndung erfahren. In einer Blitzaktion - Dauer dreißig Minuten - löste Marta den Haushalt auf und wohnte bis zu ihrer Ausreise Anfang November 1933 bei Lotte Schwieger.

Rudolf Wiesener und ich radelten in der Zwischenzeit immer nach Westen. Wir übernachteten in Scheunen und Ställen und kamen am 29. Juli in dem kleinen Dorfe an der Straße, die von Bocholt nach Emmerich einige Kilometer durch holländisches Gebiet führt, an. Am 30. Juli, einem Sonntag, fuhren wir nachmittags gegen 15 Uhr inmitten eines sommerfrohen Ausflüglerstroms an den deutschen Grenzposten vorbei in das holländische Stück Landstraße. Nach wenigen Minuten verließen wir sie und schlugen einen kleinen Weg nach links ein. Es war offenbar der falsche, denn er endete bald in einem Rübenacker. Einige hundert Meter vor uns sahen wir die Bäume einer großen Landstraße. Der Richtung nach konnte es nur die von uns angestrebte Straße Doetinghem - Arnheim sein. Wir nahmen unsere Räder auf die Schulter, stapften durch die Rüben, überquerten einen Graben und waren auf dieser erstklassigen Straße. Alle Zweifel waren besiegt, als wir erste holländische Straßenschilder sahen. Eine Zentnerlast schien von uns gefallen zu sein.

Rudolf - seinem ganzen Wesen nach unbekümmerter als ich, wollte in der nächsten Kneipe einkehren. Ich wollte jede Unterhaltung vermeiden und zunächst einmal so weit wie möglch von der Grenze weg. Hier konnte ich es ihm noch einmal ausreden. Eine Viertelstunde später war er nicht mehr zu halten. Es war ein übervolles Ausflugslokal. Die überaus freundlichen Holländer wollten von uns wissen, was denn nun in Hitler-Deutschland wirklich los sei. Wir kamen nicht umhin zu berichten und auch Farbe zu bekennen. Dann drückten uns alle die Hand. Nicht einmal unser Bier durften wir selbst bezahlen.

Wir fuhren mit dem Rade bis Arnheim. Dort nahmen wir den schrecklich überfüllten Zug nach Amsterdam.- Unsere Fahrräder ließen wir zunächst auf dem Hauptbahnhof. Auf dem Stadtplan in der Vorhalle fanden wir den Zaanhof und gingen zu Fuß dort hin. Es war zwischen und ein Uhr, als wir vor Brandenburgs Einfamilien-Reihenhaus sanden. Natürlich lag es völlig im Dunkel. Wir läuteten. Ein Amsterdamer Stadtpolizist kam um die Ecke und begann, sich für uns zu interessieren. Ich läutete immer wieder. Schließlich wurde Licht im ersten Stock. Das Fenster öffnete sich und Brandenburg fragte, wer da sei. Ich rief laut und deutlich: "Rodenstein aus Braunschweig." Brandenburg kam herunter, erklärte alles dem Polizisten und bat uns herein.

Wir waren in Amsterdam, der ersten Etappe unserer Emigration, angekommen.

 

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