ehrenbuerger


Ehrenbürger der Stadt Braunschweig

Die Feierstunde zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft fand am 15. Juni 1977 in der Dornse des Altstadtrathauses in Braunschweig in Anwesenheit von etwa 200 geladenen Gästen statt.
Oberbürgermeister Gerhard Glogowski sagte u.a.:
"... Die Überwindung der alten seminaristischen Lehrerausbildung durch das Prinzip der wissenschaftlichen Ausbildung entsprach nur folgerichtig Ihren schon frühzeitig gewonnenen Erkenntnissen. Damit aber leisteten Sie zugleich einen entscheidenden Beitrag zur Erneuerung des Bildungs- und Erziehugswesens in Deutschland nach 1945. An der Entwicklung der Kant-Hochschule zu einer der angesehensten Stätten der Lehrerbildung in unserem Lande hatten Sie einen entscheidenden Anteil.

Damit haben Sie an die beste bildungspolitische Tradition des alten Landes Braunschweig angeknüpft. Gern danken wir Ihnen auch für Ihren Beitrag, den Sie geleistet haben, damit das heutige Georg-Eckert-Institut eine so große Bedeutung gefunden hat. Wer wüßte das besser als Ihr viel zu früh verstorbener Freund Georg Eckert.

Viele Ehrungen haben Sie in den letzten Jahren erfahren. Sie sind Ehrenvorsitzender der Bundesorganisation und des Landes Niedersachsen der GEW. Ihre Leistungen sind national und international anerkannt und Sie genießen hophes Ansehen. Ihre Heimatstadt Braunschweig ist stolz auf Sie. 1967 wurden Sie mit dem Verdienstkreuz des Niedersächsischen Verdienstordens ausgezeichnet. 1968 erhielten Sie das Verdienstkreuz am Bandes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, 1970 den Kulturpreis des DGB. Ihnen wurde im Juli 1968 als erstem Deutschen ein Gedenkstein in einem Ehrenhain in Israel gewidmet.

Ihr Name hat im In- und Ausland einen guten Klang. Sie haben den Ruf Braunschweigs als Stadt der Schulen sowie als Wissenschafts- und Forschungszentrum gefestigt und gefördert. Wenn der Rat der Stadt Braunschweig Ihnen jetzt das Ehrenbürgerrecht verleiht, ehrt er damit eine Persönlichkeit, die sich um die Stadt Braunschweig verdient gemacht hat."


Eintragung ins Goldene Buch der Stadt Braunschweig

In seiner Dankesrede sagte Heinrich Rodenstein:
"Bewegten Herzens danke ich dem Rat der Stadt Braunschweig für die außerordentliche Auszeichnung, die mir mit der Verleihung der Ehrenbürgerrechte zuteil wurde. Der Ratsvorsitzende, Herr Oberbürgermeister Glogowski, nannte in seiner Laudatio meine Tätigeit an der Kant-Hochschule als einen der Gründe, die zu diesem Beschluss führten. Dort hatten wir uns ab November 1945 eine doppelte Aufgabe gestellt, nämlich:

1. wir wollten die damalige Generation von Studierenden, die schicksalhaft vom Befehlen und Gehorchen herkam, zum kritischen Gebrauch ihres eigenen Verstandes ermuntern. Und wir wollten, dass sie empfindsam würden für jedermanns Freiheit und Würde.
Nur nach einer globalen Katastrophe konnten Last und Adel eines solchen Auftrags Lehrern und Erziehern zufallen. Die heute unvorstellbar und schon gar nicht nachempfindbare vielfältige Not jener Jahre, die ausnahmslos alle Angehörigen der Hochschule bedrängte, schuf ein Klima von Gleichheit, Redlichkeit und Miteinander, das wohl die entscheidende Voraussetzung des Erfolgs war.

2. wir wollten die vom geistfeindlichen Dritten Reich bis hinter 1870 zurückgeschraubte Ausbildung der Volksschullehrer in Braunschweig wieder auf das Niveau von etwa 1930 heben und unserer Zeit anpassen.

Diese Aufgaben übersteigen weit die Kraft des Einzelnen. Es bedurfte einer in ihren Vorstellungen und in ihrem Wollen übereinstimmenden Gruppe leidenschaftlich engagierter Mitarbeiter. Dieser Glücksfall trat damals an der Kant-Hochschule ein.


Oberbürgermeister Gerhard Glogowski, Ehrenbürger Heinrich Rodenstein, DGB-Vorsitzender Ludwig Rosenberg


Ehrenbürger Dr. Theo Kohl, Oberstadtdirektor Hans-Günter Weber, Ratsherr Carl Langerfeldt, Ehrenbürger Heinrich Rodenstein


Festversammlung zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft
v.l. Heinrich Rodenstein, Joachim Raffert, Gustav Rosenberg, Günter Kasten;
2.Reihe hinter Raffert, RoseMarie und Werner Grevecke, Emmi und Heinrich Grevecke

In seiner Dankesrede beschäftigt sich Rodenstein dann mit den 35 Menschen, denen vor ihm von 1838 bis 1969 die Ehrenbürgerschaft verliehen wurde. Bis  November 1918 verlieh die Stadt Braunschweig 19 mal die Ehrenbürgerschaft, darunter an zwei Frauen, nämlich am 7. Mai 1862 an Frau Luise Löbbecke und am 28. Januar 1906 an die Gräfin Görtz-Wrisberg, die Witwe des Staatsministers gleichen Namens.

In der Zeit der Weimarer Republik gab es drei neue Ehrenbürger. Während des Dritten Reiches wurden insgesamt fünf Ehrenbürger ernannt, die aber später wieder zurückgenommen wurden. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden insgesamt acht  Ehrenbürger ernannt, darunter Frau Martha Fuchs.

Die Dankesrede endete mit zwei persönlichen Aussagen:
Die erste: Ich muss wegen einer Amtsanmaßung Abbitte vor dem amtierenden Rat der Stadt tun. Ich habe mich ihrer 1968 in Genf schuldig gemacht. Dort tagte ein Kongress des "Internationalen Berufssekretariats der Lehrer", dessen Präsident ich war. Wie überall üblich, wurde der Kongress von der Regierung des Kantons und der Freien Republik Genf empfangen. Ich musste auf die Begrüßungsrede des Regierungschefs antworten. Und da ist es passiert. Mein Weg zum Empfangshotel führte mich am "Braunschweig-Denkmal" vorbei, was mir die Idee eingab, an diesem Abend als Braunschweiger zu sprechen. ---
Die Bürger unserer Stadt, die schon seit Jahrhunderten als gemütliche Wurstesser und Biertrinker gelten, aber nie gemütliche Untertanen waren, hatten am 7. September 1830 ihrem ungeliebten Herzog Karl II. das Schloss am Bohlweg über dem Kopfe angezündet und geplündert. Der Herzog war mit seinen Mätressen und seinem millionenschweren Diamantenschatz über London und Paris schließlich nach Genf geflohen, wo er 1873 starb. In seinem Testament vermachte der Fürst der Stadt Genf ein Vermögen unter der Bedingung, dass diese auf einem von ihm bereits bei Lebzeiten gekauften Grundstück am See ein Mausoleum im Stil der Scaliger-Grabmäler in Verona erbauen lasse. So entstand das "Monument de Brunswick", das Braunschweig-Denkmal.
Braunschweig hat das Testament des Herzogs gerichtlich angefochten.  -  Erfolglos.  -
An jenem Abend habe ich dem Repräsentanten der Freien Republik Genf nicht nur Gewaltverzicht angeboten, sondern auch auf die Diamanten des Herzogs in aller Form verzichtet. Dazu hatte ich keine Mandat. Das Ganze war aber sehr lustig.

Die Rodensteins leben seit Generationen hier. Braunschweig ist die Stätte meiner Irrungen und Wirrungen, Torheiten, Eseleien und nicht zuletzt auch meiner Jugendträume und, ach, so süßen Illusionen.

Ich war kein Musterknabe. Meine gute und kluge Mutter kannte ihre sechs lebenden Kinder sehr wohl. Eines Tages - ich mag etwa zehn Jahre alt gewesen sein - beschwerte ich mich bei ihr über einen meiner Lehrer. Sie sah mich mit ihren hellen, blauen Augen an und sagte: "Du,du willst dich über deinen Lehrer beschweren? Dich Früchtchen kennen wir doch!"  Ja,  "Früchtchen" sagte sie. - Im übrigen  glaube ich auch nicht, dass Musterknaben - und für Mädchen gilt das gleiche - die besten Voraussetzungen für die Bewährung im Leben als Erwachsene mitbringen.

Kein Musterknabe, nur ein Mensch in seinem Widerspruch, ein Früchtchen. 

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