diffamierung


Angriffe aus der Fachschaft

In der Sitzung des Ausschusses für die Didaktik im Fachbereich der Politischen Wissenschaften am 26. Mai 1970, dem Heinrich Rodenstein auch nach seiner Emeritierung noch drei Jahre lang angehörte, erwähnte er in einer Diskussion über die Anfänge der Hochschule, dass die PH Braunschweig und er selber gleich nach dem Ende des Krieges sich der aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden jungen HJ-Generation angenommen hätte. Diese Generation war während der Schulzeit durch die Hitlerjugend gegangen und nach Abschluss der Schulzeit sofort zum Wehrdienst eingezogen worden. Seine Begründung war, dass "nicht eine ganze Generation junger Menschen auf den Misthaufen der Geschichte" geworfen werden könne.

Diese Äußerung nahmen Rodensteins Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Politische Wissenschaft, Prof. Dr. W. Alff, und der Student Ernst Schmitt, Mitglied der damaligen "Roten Zelle Pädagogik", in der Abteilungskonferenz am 3. Juni 1970 zum Anlass, diese Äußerungen ausfühlich zu diskutieren. Man unterstellte, dass die Äußerung pauschal eine ganze Generation die besondere Nähe zum damaligen Regime unterstelle und nicht berücksichtige, dass auch in dieser Genaration viele Regimegegner tätig gewesen und darunter gelitten hätten.

Der Vorgang löste in der Hochschule und später auch in der Öffentlichkeit allgemeine Empörung aus. Daraufhin erklärten die Kritiker, sie hätten nicht die Person Rodensteins gemeint, sondern nur eine Kritik seiner Texte geführt.

Gegenerklärung
abgegeben von Heinrich Rodenstein in der Abteilungskonferenz am 24. Juni 1970.

Meine Damen und Herren!
In  der vorigen Abteilungskonferenz hat eines der studentischen Mitglieder in meiner Abwesenheit eine Erklärung abgegeben, die auch mich betrifft.
Darüber hinaus hat Herr Alff eine Erklärung zum gleichen Thema verbreitet.

In einer mehrstündigen Unterredung, die ich vor zwei Tagen mit Herrn Alff hatte, hat dieser zugegeben, dass der studentischen Vertreter zwar nicht auf Betreiben Herrn Alffs in der vorigen Abteilungskonferenz seine Ausführungen gemacht, wohl aber Herr Alff mit diesem Studenten über die Streitfrage gesprochen habe. 

Entgegen meiner ursprünglichen Ansicht, mich zu dieser Angelegenheit überhaupt nicht zu äußern, muss ich nun meine Erläuterungen dazu geben. Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich nicht verstehe, warum diese Diskussion vom Zaun gebrochen wurde. Es handelt sich um Vorgänge, die fast 25 Jahre zurückliegen. Sie haben heute nur noch archivarisches und historisches Interesse. Wir diskutieren über den Schnee vom vorigen Winter.

Zunächst möchte ich Ihnen eine Darstellung der unstrittenen Vorgänge und der Motive unseres damaligen  Handelns geben. Danach werde ich mich zu Herrn Alffs Erklärung äußern, die ich aber jetzt schon  mit aller Schärfe zurückweisen möchte.

Was ist um die Jahreswende 1945/46 geschehen? Nach den Entnazifizierungsvorschriften der Militärregierung war es uns verboten, frühere Mandatsträger der Hitlerjugend, des Bundes Deutscher Mädchen sowie ehemalige Offiziere der Wehrmacht zum Studium zuzulassen.

Der Lehrkörper der Kant-Hochschule beantragte damals, einen eigenen Entnazifizierungsausschuss aus den Reihen der damaligen Hochschullehrer der Kant-Hochschule bilden zu dürfen. Diese gute Idee stammte leider nicht von mir, sondern von Herrn Hügel, dem damaligen, inzwischen verstorbenen Leiter dieser Hochschule. Ich wurde mit der Führung der Verhandlungen mit dem Erziehungsoffizier in Braunschweig, Major Gallagher, beauftragt. Ich erklärte dem britischen Offizier, dass wir im Falle einer Bewilligung einer eigenen Entnazifizierung auch Mandatsträger der HJ und des BDM, wie auch frühere Offiziere der Wehrmacht zum Studium zulassen würden, wenn ihnen keine verbrecherischen Handlungen persönlich nachgewiesen werden können.

Major Gallagher schlug die Hände über dem Kopf zusammen und erklärte, diese Frage überschreite bei weitem seine Kompetenz; er müsse den Antrag an den obersten Erziehungsoffizier der britischen Zone, Dr. Birley, weitergeben. (Dr. Birley war Headmaster des hoch angesehenen Public College von Eton.)

Kurze Zeit darauf erschien Dr. Birley in der Kant-Hochschule und unterzog die wenigen damals schon vorhandenen Studenten einem gewissen Test. Er wollte sich überzeugen, ob in dieser Hochschule eine moderne, freiheitliche Gesinnung herrsche. Kurz darauf wurde uns die eigene Entnazifizierung mit der einzigen Auflage zugestanden: Dem Entnazifizierungsausschuss musste auch ein der Hochschule nicht angehöriges Mitglied beitreten, das das Vertrauen der Militärregierung besaß. Um unsere künftige Arbeit gegen jeden möglichen Einspruch der Militärregierung abzusichern, schlugen wir den Mann vor, der von der Militärregierung mit der Entnazifizierung der Lehrerschaft im damaligen Lande Braunschweig beauftragt war, den Volksschulrektor Hermann Ahlbrecht.

Zwei Gründe mögen für die britischen Erziehungsoffiziere entscheidend gewesen sein:
1. sie wussten, dass die Antragsteller dem Dritten Reich Widerstand geleistet hatten;
2. sie hatten sich überzeugt, dass diese Hochschule sich redlich bemühte, in der Studentenschaft einen Geist der Freiheit und demokratischen Verantwortung zu wecken und zu pflegen.

Danach verfuhren wir, wie wir den britischen Offizieren vorausgesagt hatten:
Wir ließen auch ehemalige Mandatsträger der HJ, des BDM und Offiziere der Wehrmacht zum Studium zu, wenn gegen sie kein Vorwurf von Verbrechen erhoben wurde.
Zu diesem Zeitpunkt, Frühjahr 1946, war die Braunschweiger Hochschule die einzige, an der die genannten Personengruppen studieren konnten.

Ich möchte jetzt etwas über unsere Motive sagen. Wir hatten ein politisches und ein menschliches Motiv. Zunächst zum Politischen:
Wir hielten es für eine gefährliche Vorbelastung der eben erst entstehenden demokratischen Republik in Deutschland, wenn eine ganze Schicht von jungen Menschen, die sich persönlich völlig unschuldig fühlte, vom Studium ausgeschlossen würde. Sie würden mit Bitternis und Groll mindestens einige Jahre verlieren und könnten leicht willkommene Beute eines Neonazismus oder Neonationalismus werden. Diese politische Hypothek wollten wir nicht entstehen lassen.

Und nun zum Menschlichen:
Wir waren der Meinung, dass man bei der Stellung einer politischen Schuldfrage sehr differenzieren müsste.  Die wichtigste Unterscheidung war die Frage nach der politischen Reife des Betroffenen im Jahre 1933. Wer damals zehn Jahre alt war, wuchs in das Dritte Reich heinein und lernte im allgemeinen nichts anderes kennen als die einzig zugelassene Staatsjugend der HJ. Viele wurden automatisch, d.h. zwangslüufig, in diese Organisation überführt. Wir meinten, sie trifft kein politisches Verschulden an der Entsteheung des Dritten Reiches. Diese Altersgruppe, von mir als HJ-Generation genannt, ist überwiegend Opfer und nicht Urheber des Nationalsozialismus. Wir meinten, dass wir jedem einzelnen von ihnen menschlich Unrecht täten, wenn wir ihn für etwas büßen ließen, wofür er nicht verantwortlich war.

Diese politischen und menschlichen Motive haben zu der Sonderregelung in Sachen Entnazifizierung an der Kant-Hochschule geführt. Dabei waren wir uns in vollem Umfang unserer Verpflichtung bewusst. Darum hatten wir gleichzeitig mit der Zulassung der genannten Gruppe als erste Hochschule in den damaligen westlichen Besatzungszonen einen Lehrstuhl für Politische Bildung errichtet. Wir forderten diese Jungen zur offenen politischen Auseinandersetzung heraus. Wir wollten ja nicht etwa Nizis und Militaristen in unseren Schulen sehen, sondern wir wollten eine intelligentere, pädagogisch adäquatere und menschlichere Entnazifizierung durchführen.

Diese politische Auseinandersetzung hat in größter Leidenschaft eine ganze Reihe von Jahren in dieser Hochschule stattgefunden. Nie wieder hat unsere Hochschule eine so leidenschaftlich engagierte Studentenschaft gekannt wie in den Jahren 1945 bis 1950. Gleichzeitig haben wir verhindert, dass aktive Nationalsozialisten, die vor 1945 zum Lehrkörper der damaligen Bernhard-Rust-Hochschule gehörten, in dieses Haus zurückkehrten (z.B. der frühere Leiter und der Dozent für Geschichte).

Fragen wir nun nach dem Ergebnis dieses Experiments. Niemand von uns ist ein einziger Fall bekannt, dass aus den genannten Gruppen auch nur ein einziger Rückfälle in nazistische Denkweisen oder militaristische Anwandlungen erlebt hätte. Und selbst wenn dieser große Versuch damals kein hundertprozentiger, sondern nur ein 97prozentiger Erfolg gewesen wäre, dann wäre er immer noch richtrig gewesen. -

Und nun komme ich zum Wortlaut der Erklärung, die Herr Alff in der Hochschule verbreitet hat. Lassen Sie mich mit dem letzten Satz beginnen.
Herr Alff spricht davon, dass es keine Verpflichtung der Angehörigen dieser Hochschule geben kann, sich mit ihrer Geschichte restlos zu identifizieren. Meine Frage: Wann ist das jemals von jemandem gefordert worden?

Herr Alff sagt weiter, dass das Wahrheitskriterium auch für die Geschichte dieser Hochschule gilt. Das ist selbstverständlich. Aber man muss zunächst einmal sauber feststellen, was wann geschehen ist und warum. Es wäre völlig in Ordnung gewesen, wenn Herr Alff einen seiner Studenten beauftragt hätte, den oben geschilderten Entnazifizierungsvorgang an dieser Hochschule kritisch zu untersuchen. Hier im Raum sitzen noch einige ältere Mitglieder des Lehrkörpers, die diesen Vorgang damals mitgetragen haben. Sie alle könnten befragt werden. Gleichfalls in diesem Raum sitzen einige, die die Jahre 1945 bis 1950 als Studenten dieser Hochschule miterlebt haben. Sie erinnern sich noch, dass zu ihrer Zeit unsere Aula gelegentlich baupolizeilich geschlossen wurde, weil Saal und Empore gefährlich überlastet waren. Unsere heutige Studentenschaft würde sich glücklich schätzen, wenn es ihr gelänge, ein solches leidenschaftliches Interesse unter den Kommilitoninnen und Kommilitonen zu wecken. - Und die Anschriften der genannten Offiziere sind sicher auch noch aufzutreiben.

Im vorletzten Absatz geht Herr Alff, wie es auch der von ihm inspirierte Student schon getan hat, auf meine Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus ein. Ein für allemal möchte ich Sie dringend bitten: Machen Sie mich nicht zum Helden, ich bin keiner.
Ich bin aber auch kein Trottel. Zwar weiß ich, dass jeder alternde Mensch im Lauf der Jahre naturnotwendig vertrottelt. Doch ich meine, bei mir sei es noch nicht soweit.
Herr Alff möchte mich nicht nur zum Helden, sondern auch andererseits zum Trottel deklarieren. Ich verwahre mich gegen beides. Damit komme ich zu dem Absatz aus Herrn Alffs Erklärung, der mit dem Worte "Zweitens" beginnt.

Herr Alff behauptet, die Bezeichnung "HJ-Generation" unterstelle, es wären alle Angehörigen jener Jahrgänge blind dem deutschen Faschismus erlegen. Glaubt Herr Alff im Ernst, ich wüsste nichts von den Widerstandszentren in der deutschen Jugend in der Zeit des Dritten Reiches? Vom ersten Jahre der Existenz dieser Hochschule an ist die Widerstandsbewegung, eingeschlossen die Widerstandsgruppen der Jugend, ständiges Thema unserer Arbeit gewesen. Das Ungeheuerlichste aber steht im zweiten Absatz des genannten Abschnitts. Dort wird gesagt: "Die Rede von der HJ-Generation soll den spezifischen Schuldanteil am Dritten Reich, den vor allem Angehörige der herrschenden Klassen hatten, verundeutlichen, sie soll diesen Schuldanteil einebnen. Man will den heute jüngeren Generationen suggerieren, ihre Väter seien insgesamt beteiligt gewesen und somit schuldig. Freilich ist das Bedürfnis nach dieser Art "Rechtfertigung" überaus groß. Die von Herrn Rodenstein gebrauchten Bezeichnungen lassen den erforderlichen Widerstand gegen diese gefährliche Tendenz vermissen."

Die von Herrn Alff gezogenen Schlussforgerungen aus dem Gebrauch des Begriffs "HJ-Generation" sind samt und sonders falsch. Das ist auf den ersten Blick zu erkennen. Die Formulierung "soll ... verundeutlichen" unterstellt mindestens, wir hätten damals, sei es auch nur unbewusst, Renazifizierung und Restauration betrieben. Das ist eine glatte Verleundung. So vertrottelt waren und sind wir wirklich nicht.

Genauso ungeheuerlich und verleumderisch sind die Aussagen Herrn Alffs in dem Abschnitt seiner Erklärung, die mit dem Worte "Erstens" beginnt. Wenn er darin sagt: "Man konnte nicht die jüngeren Mitläufer und Befürworter der deutsch-faschistischen Gesellschaft beiseite schieben, wenn in allem, auch den höchsten Funktionen des Staates, Mitläufer und Belastete der Terrorherrschaft erwünscht sein sollten."

Wieder einmal beachtet Herr Alff den Zeitpunkt nicht. 1946 war nicht 1954. Die Bundesrepublik bestand noch nicht. Konrad Adeneuer war noch längst nicht Bundeskanzler und sein Staatssekretär  Herr Globke lebte noch irgendwo im verborgenen. Die Behauptung: "Man konnte nicht die jüngeren Mitläufer und Befürworter der deutsch-faschistischen Gewaltherrschaft beiseite schieben,..." ist in diesem Zusammenhang geradezu widersinnig. Man konnte nämlich durchaus und hat es in Ausführung der Entnazifizierungsbestimmungen des Kontrollrates jahrelang getan. Nur die Kant-Hochschule wollte aus den bereits dagelegten Gründen nicht so verfahren. Die damit verbundene Unterstellung, wir wären, sei es auch nur unbewusst, einer Renazifizierungstendenz gefolgt, ist eine Verleumdung, nicht nur von Personen, sondern auch der Geschichte dieser Hochschule.

Vielleicht steht im Hintergrund als der letzte und geringste aller möglichen Vorwürfe noch die Kritik, hier hätte man aus historisch-politischen Gründen unmenschlich sein müssen. Dazu waren wir nicht bereit. Damals wie heute war ich der Überzeugung, dass man allen Bewegungen misstrauen soll, die, sei es auch nur für eine Übergangszeit, die Menschlichkeit abschaffen wollen.

Alle sozialreformerischen, sozialrevolutionären und auch viele religiöse Bewegungen haben das eine gemeinsam, dass sie mehr Gerechtigkeit, mehr Feihheit und mehr Menschlichkeit in diese Welt bringen wollten. Wo diese Werte vorübergehend abgeschafft wurden, damit sie - angeblich - später um so perfekter den Menschen zuteil werden sollten, haben wir wohl diese Abschaffung, nirgendwo aber später die verbundene bessere Verwirklichung erlebt. Den Vorwurf, wir seien zu menschlich gewesen, trage ich mit großer Gelassenheit.

Und lassen Sie mich zum Schluss bekennen:

Stände ich morgen in der gleichen Situation wie um die Jahreswende 1945/46, würde ich mich genauso wieder verhalten.

 

Auf eine Veröffentlichung weiterer Dokumente soll hier verzichtet werden.

 

 

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