beobachtungen


Beobachtungen

Der Zusammenbruch Frankreichs im Frühsommer hat eine Flüchtlingswelle von Millionen aus Belgien und Nordfrankreich nach dem Süden getrieben. Auch nach Revel gelangten einige Hundert. Sie kehrten nach wenigen Wochen zurück. Nur wenige Juden blieben. Etwas später kam eine Gruppe von Elsässern, die wegen ihrer frankophilen Haltung von der deutschen Besatzung ausgewiesen worden war. Die meisten von ihnen sprachen kaum deutsch.

Als nach der Kapitulation Frankreich sich in Vichy die Regierung Pétain-Laval etablierte, polarisierte sich das politische Leben in Revel. Es war ein sich ständig beschleunigender Prozess, der gegen Ende der deutschen Besatzung und in den Wochen danach zu einer Reihe von dramatischen Vorgängen führte.

Eine kleine Gruppe aus der kleinbürgerlichen Führungsschicht - durchweg frühere "Radikalsozialisten", also von der Partei eines Heriot oder Daladier - wurde Pétain-Anhänger, und damit "Kollaborateure". Zu ihr gehörten einige Geschäftsleute, der Apotheker, aber auch der Gemeindesekretär Pravdiel und der hoch angesehene Monoury. Mit beiden Letztgenannten waren wir seit 1935 befreundet und beide haben uns auch noch während der Besatzungszeit vielfach geholfen. Ihnen wäre nie in den Sinn gekommen, uns bei deutschen Stellen zu denunzieren. Aber die politischen Auseinandersetzungen waren zunächst immer heftiger und dann sinnloser geworden. Der persönliche Umgang hörte aber nicht auf.

Im anderen Lager, das sich schließlich um eine Maquis-Gruppe im Massif Central gruppierte, gehörten z.B. der sozialistische Maire Audouy, der Polizeikommissar, die Gendarmerie, der katholische Pfarrer, der Rechtsanwalt, die Lehrerschaft, die schließlich einen aktiven Widerstand bildeten. Mit fast allen Genannten hatten wir persönlichen Umgang. Sie hatten kaum Geheimnisse vor uns. In fast allen Familien wurden die in französischer Sprache ausgestrahlten Sendungen der Londoner BBC regelmäßig gehört. Die Saarländer und Elsässer hörten die deutschsprachigen Nachrichten. Das moralische und politische Gewicht dieser Sendungen war enorm. Es war streng verpöhnt, während einer Sendezeit irgendwie zu stören. Die Flut der Code-Mitteilungen gab ständig das ermutigende Gefühl von der Existenz einer Gegenmacht. Die - sei es auch kalkulierte - Aufrichtigkeit, mit der Rückschläge und Verluste zugegeben wurden, schuf Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Als die alliierten Truppen in Nordafrika landeten, war jedermann klar, dass damit die Zeit der "unbesetzten Zone" in Frankreich vorbei war. Jetzt musste ganz Frankreich Kriegsschauplatz werden. Damit begann die kritischste Zeit unserer Emigration.

Am Morgen, als ich im Rundfunk die Nachricht von der Landung gehört hatte, ging ich zum Polizeikommissar. Es gab folgendes Gespräch:
"Die Landung der Alliierten in Nordafrika bedeutet sicher die Besetzung ganz Frankreichs. Was würden Sie tun, wenn Sie den Auftrag bekämen, mich zu verhaften?"
"Vielleicht werde ich früher als Sie verhaftet. Ich bin nämlich als Offizier in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und daraus geflohen."
"Ich bin aber Deutscher und befinde mich seit 10 Jahren im Kriege mit Hitler."
"Was schlagen Sie mir vor, was ich tun soll?"
"Ratschläge stehen mir nicht zu. Aber nach der Besetzung Prags wurde der Polizeipräsident aufgefordert, die deutschen Emigranten auszuliefern. Er teilte den Betroffenen mit, dass sie sich zwecks Auslieferung am übernächsten Tag um 13.00 Uhr im Polizeipräsidium einzufinden hätten. Den Trotteln, die dann noch kamen, war je wirklich nicht zu helfen."
"Wer gewinnt Ihrer Meinung nach diesen Krieg?"
"Ich bin seit langem und jetzt mehr und mehr davon überzeugt, dass Hitler den Krieg verliert."
"Ich auch. Wenn ich Sie ausliefere, werde ich deswegen am Tage nach dem Siege gehängt. Meinen Sie, das könnte ich wollen? Wenn sie sich schon nicht auf meinen guten Willen verlassen wollen, so halten Sie mich wenigstens nicht für dämlich. Ich bin es nämlich nicht."

Der Maquis von Revel mag etwa 100 Mann stark gewesen sein. Eine wesentliche Verstärkung erfuhr er durch junge Franzosen, die lieber in den Untergrund gingen als einer Arbeitsverpflichtung nach Deutschland zu folgen. Die Männer kampierten an schwer zugänglichen Stellen im Massif Central und wechselten ihren Standort häufig. Einzeln tauchten sie auch in der Stadt auf, hatten zahlreiche Unterkunftsmöglichkeiten bei Gesinnungsfreunden und holten z.B. auch Geldüberweisungen normal aus der Bank ab. Sie konnten der Zustimmung der großen Mehrheit der Bevölkerung sicher sein. Die mindestens zeitweilige Kongruenz der nur nationalen Opposition gegen den deutschen Sieger und dem Widerstand aller Sozialisten, Kommunisten, Demokraten, Katholiken gegen den Nationalsozialismus schuf trotz aller gelegentlich auftauchenden Abgrenzungsbedürfnisse eine breite Basis für umfassende Solidarität.

Auch dieser Maquis hatte ständig Funkverbindung mit London. Englische Flugzeuge haben häufig Waffen, Sprengstoff, Verpflegung u.a.m.  für den Maquis an Fallschirmen abgeworfen. Auch Instruktoren sind hier abgesprungen. An Kleinwaffen hat es diesem Maquis nie gefehlt.. Die Gendarmerie von Sorèze z.B.  sorgte mehrfach für Nachschub. Der Maquis besetzte - ohne Gegenwehr - die Gendarmerie für einige Stunden und holte alle Karabiner und Pistolen sowie alle Munitionsvorräte ab. Wenn der Ersatz in der Gendarmerie angekommen war, informierten die Gendarmen den Maquis und ließen sich wieder überfallen. Und so noch einige Male.

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