august-1944


Das Ende der deutschen Besetzung

Anfang August 1944 rückten die Truppen der Wehrmacht aus Südfrankreich und damit auch alle deutschen Stellen aus Toulouse ab. Sie hatten es eilig. Die Bahnlinien und die Straßen im Rhone-Tal waren durch zahlreiche Sabotage-Akte der Résistance blockiert, und der Weg nach Norden drohte durch den Vormarsch der alliierten Truppen von der Normandie her auch versperrt zu werden. So hasteten sie davon. Revel - wie das ganze übrige Frankreich - geriet in einen Taumel. Feuerwerk, Tanz auf den Straßen und auch Abrechnungen mit den "Kollaborateuren". Hier ist manches geschehen, was sich nur als Reaktion auf eine vierjährige Unterdrückung, Demütigung und Ausplünderung leidlich erklären lässt. Als Beispiel sei aus Revel berichtet, dass einem Mädchen, das jedem zahlenden Mann, auch wenn er ein deutscher Soldat war, zu Gefallen war, die Haare kurz geschoren und die Kleider vom Leibe gerissen wurden. So wurde es unter allgemeinem Gejohle auf einem Esel durch die Stadt geführt. Der Vichy-freundliche Stadtsekretär, dem wir manches verdankten, floh nach Toulouse und wurde dort zu einigen Monaten Gefängnis verurteilt. Monoury kam einige Wochen in ein Lager. An anderen Orten ist noch weit Schlimmeres geschehen.

Für uns war der Ausgang eines langen Tunnels erreicht. Ich hatte im Laufe des Jahres 1943 auf Betreiben unbekannter Freunde amtliche Visumszusicherungen für die USA, Mexiko und Brasilein erhalten. Mir war auch bekannt, dass es Möglichkeiten gab, illegal über die Pyrenäen nach Barcelona zu gelangen, wo die englische Botschaft mit Duldung der Franco-Regierung nach Lissabon und von dort nach Übersee vermittelte. Ich hatte diese Angebote ausgeschlagen. Ich war - ohne jede rationale Begründung - immer sicher gewesen, dass wir überleben würden. Außerdem schloss das tiefe Heimweh meiner Frau aus, uns noch weiter von unserer Heimat zu entfernen.

Jetzt war die Rechnung aufgegangen. Hitler hatte den Krieg verloren, und wir konnten demnächst wieder an die Heimkehr denken. Aber noch war der Krieg nicht zu Ende. Im befreiten Frankreich entstanden die neuen Organisationsstrukturen auf allen Gebieten schnell.  De Gaulle bildete seine Regierung unter Einschluss der Kommunisten, die sich in Stolz und nicht unbegründet die "Partei der Füselierten" nannten. Auch die französische Gewerkschaftsbewegung (C.G.T). Sie ist wenige Jahre später an den parteipolitischen Ansprüchen der Kommunisten gescheitert. Nur die französische Lehrergewerkschaft hat bis heute die Einheit aufrecht erhalten und den dafür geforderten Preis - nämlich weder dem "Internationalen Bund freier Gewerkschaften", noch dem kommunistischen "Weltgewerkschaftsbund" angehören zu können - gezahlt.

Im Herbst 1944 erwarb ich die Mitgliedschaft in der Bauarbeitergewerkschaft. In den französischen Gewerkschaften wird die Mitgliedschaft immer nur für das laufende Jahr erworben.
Karl Mössinger meldete mich - ohne mich in aller Form vorher zu fragen - bei der neuerstandenen "Fédération des Groupes Socialistes en France" (F.G.S.E.) an. Er hatte richtig vorausgesetzt, dass ich in Zukunft einer SPD angehören wolle. Die Mitgliedskarte Nr. 64, ausgestellt am 25. Juli 1945 und gültig bis zum 31. Dezember 1945, besitze ich noch. Die Beitragsleistung von Januar bis Dezember ist von Günter Marktscheffel quittiert. Unter seiner Leitung hat schon im Frühjahr 1945 eine Konferenz deutscher Sozialisten in Südfrankreich stattgefunden, an der auch Karl Mössinger und ich teilgenommen haben.

Mit der Befreiung Frankreichs lag auch die Front nunmehr zwischen uns und Deutschland. Damit brach jede direkte Verbindung ab. Nur aus dem Radio und aus der Presse erfuhren wir manches. Als im Oktober 1944 der schwere Luftangriff auf Braunschweig mit der Zerstörung des größten Teils der Stadt berichtet wurde, machten wir uns viel Sorge über unsere zahlreichen Angehörigen, die in Braunschweig lebten.

Mit dem weiteren Vormarsch der Alliierten auf deutschem Gebiet kehrten auch in Revel Männer zurück, die sich in deutscher Kriegsgefangenschaft befunden hatten. Sie berichteten fast ausnahmslos, dass es ihnen leidlich gut gegangen wäre. Diese Berichte haben wesentlich dazu beigetragen, keinen dauernden fanatischen Hass gegen alles Deutsche aufkommen zu lassen.  Nachdem im Mai 1945 die deutsche Wehrmacht kapituliert hatte, stand unser Sinn nur noch auf Heimkehr. Zwar wäre ein weiteres Leben in Revel durchaus möglich gewesen. Drei der Firmen, in denen ich gearbeitet hatte, boten mir Stellen an. Aber ich wollte wieder nach Hause und zurück in meinen Beruf. Ich meinte auch, dass die Emigration nicht warten dürfe, bis die erkennbaren riesigen Anlaufschwierigkeiten des Neubeginns wesentlich überwunden waren. Sie musste die schwerste Zeit mittragen.

Ganz wesentlich wurde der Entschluss, sobald nach Hause zurückzukehren, auch davon bestimmt, dass meine Frau sich im Grunde mit dem Leben in Revel niemals abgefunden hatte. Der Mangel und das Heimweh hatten sie auch äußerlich sehr mitgenommen.

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